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Herbst 936 Die Äbtissin betrachtete den schwer verletzten jungen Mann. Sie hielt ihn für tot. So viel Blut war aus der großen Brustwunde gesickert; an den Rändern war es zu schwarzen Krusten erstarrt. Mit ihm musste sämtlicher Lebensodem entschwunden sein. Sie wollte schon befehlen, die Fensterluke zu öffnen, damit die heimatlos gewordene Seele den Weg zum Himmel finden konnte, als sie plötzlich stutzte. Der Brustkorb des Verletzten hob sich kaum merklich; sein Mund öffnete sich, und er schnappte röchelnd nach Luft. Nicht nur sie, auch zwei der Nonnen schreckten erblasst zurück. Die eine schlug ein Kreuz. Ihre verstörten Rufe hatten die Äbtissin in der Kapelle gestört, wo sie Zwiesprache mit Gott gehalten und sich von ihm Kraft für das höchste Amt im Kloster erbeten hatte. Manchmal war sie dankbar für die vielen Pflichten, die sie vor trüben Gedanken bewahrten, manchmal war es ihr eine Last, Entscheidungen treffen zu müssen – so auch, als sie erfahren hatte, was geschehen war: Vor der Pforte war ein Verletzter zusammengebrochen. Offenbar hatte er sich mit letzter Kraft nach Saint-Ambrose gerettet. Zunächst hatte niemand gewagt, ihn zu berühren, weil er ein Mann und überdies ein Fremder war. Dann aber hatte sich die Portaria, die Schwester Pförtnerin, ein Herz gefasst und ihn in die Aderlassstube bringen lassen – ein niedriges, kreisrundes und fensterloses Gebäude gleich neben Bad und Kräutergarten. Die Krankenstube mit dem Steinboden wäre der wärmere Ort gewesen, doch die Aderlassstube lag näher an der Pforte. Wenn es auch nur wenige Schritte zu überwinden gegolten hatte – die Nonnen hatten sich gewiss damit geplagt, den Verletzten herzuschleppen. Nicht nur mit der Last seines Körpers hatten sie fertig zu werden, sondern auch mit dem Gefühl, Verbotenes zu tun: Für gewöhnlich betrat kein Mann je den Klausurbereich, die Mönche des Nachbarklosters ausgenommen, und diese nur, um die Messe zu lesen und die Beichte abzunehmen. Bei Letzterer musste aus der Ferne stets eine weitere Nonne die Beichtende beobachten, auf dass sie – und sei es nur, um ihre Sünden zu benennen – nicht allein mit einem Mann war. Nur kranke Schwestern durften mit dem Priester allein sein – wohl weil ihr Körper zu geschwächt war, um zu sündigen. Zu geschwächt, um die Keuschheit der Schwestern zu bedrohen, war auch dieser Verwundete, der genau besehen die Klausur nicht eigenmächtig betreten hatte, sondern hineingetragen worden war. „Was sollen wir nun tun?“, fragte eine der beiden Nonnen, Mathilda mit Namen, mit zarter Stimme. Ihr Körper bebte. So bin ich einst auch gewesen, dachte die Äbtissin. Hilflos, weltfremd, schwach. Sie straffte die Schultern, um das eigene Unbehagen nicht zu zeigen. „Er lebt. Vielleicht nicht mehr lange, aber noch lebt er“, stellte sie fest. „Wir müssen den Blutfluss stillen und die Wunde nähen. Und wir müssen zusehen, dass der Leib zu Kräften kommt.“ Sie blickte vom Verletzten hoch. „Ruft die Krankenschwester, damit sie sich seiner annehmen kann! Und sagt der Schwester Cellerarin, dass sie Brombeerwein mit etwas Honig erwärmen soll!“ Gewiss war der Verletzte zu schwach, um auch nur einen Schluck zu trinken, aber die Schwester Pförtnerin nickte eifrig und ging. Die Äbtissin beugte sich tiefer über den Mann. Seine Lider waren einen winzigen Spalt weit geöffnet, und seine Stirn war gerunzelt – vielleicht der Schmerzen wegen, die diese erbarmungswürdige Kreatur beutelten, vielleicht, weil die Ohnmacht nicht schwarz und abgründig genug war, um böse Träume zu schlucken. Woher nur die Wunde stammt?, überlegte die Äbtissin. Ein Tier könnte ihn angegriffen haben oder – und dieser Gedanke war noch beängstigender – ein Mensch. Sein Anblick, wie er da reglos am Boden lag, war erbärmlich, doch wäre er ihr aufrecht entgegengetreten, das sah sie sofort, er wäre ein stattlicher Mann gewesen, einer der größten, den die Äbtissin in ihrem Leben gesehen hatte, wenn auch nicht so kräftig und breitschultrig wie jene, die schwer zu arbeiten oder zu kämpfen hatten. Sein Gesicht war elend blass, die Nase fein geschnitten, die Lippen voll. Als die Äbtissin vorsichtig die Kapuze zurückzog, die den Kopf des jungen Mannes bedeckte, stellte sie fest, dass sein braunes Haar von kräftigem Wuchs war. Und sie sah noch mehr. „Gütiger Himmel!“, stieß Mathilda aus und deutete auf seinen Hinterkopf, staubig, schweißverkrustet – und kreisrund rasiert. „Er muss ein Mönch sein! Oder zumindest ein Novize!“, rief die Äbtissin, voreiliger, als ihr zu reden und zu entscheiden zu eigen war. Bekräftigend nickte Mathilda, doch sie konnte ebenso wenig wie die Äbtissin erklären, warum der Verletzte zwar die Tonsur eines Klerikers, aber nicht dessen Kleidung trug. Diese glich der eines Bauern – leinerne geflickte und nun blutbesudelte Hosen, raue Strümpfe und stramm sitzende Beintücher, die an den Unterschenkeln mit Binden verschnürt waren. Ein Marderfell war unterhalb des Halses mit einer glanzlosen Nadel zusammengehalten, die Taschen am Gürtel aus brüchigem Leder gefertigt, die Sohle des Schuhwerks durchlöchert. Bevor er vor der Pforte Saint-Ambrose' zusammengebrochen war, musste er stundenlang gelaufen sein. Die Äbtissin seufzte und sehnte sich insgeheim nach der Stille in der Kapelle. „Denkt Ihr, er war auf der Flucht vor ...vor ...vor ...“, setzte Schwester Mathilda an und geriet ins Stottern. Die wenigen Jahre ihres noch kurzen Lebens hatte sie im Kloster zugebracht, an dessen Pforte sie einst als Kleinkind abgegeben worden war. Doch wenn die Welt ihr auch fremd war, so war sie nicht taub für die Geschichten über mordende Männer, die aus fernen heidnischen Ländern kamen, über viele Jahre das Frankenland heimgesucht hatten und Nordmänner genannt wurden. Viele von ihnen waren in dem Landstrich längst heimisch geworden, tüchtige Bauern und gläubige Christen, doch in der benachbarten Bretagne, so hieß es, tummelten sich gewalttätige Banden, die Klöster überfielen und sich mit ihrer Beute in den Höhlen der rauen Klippen versteckten. „Wir wollen keine voreiligen Schlüsse ziehen“, erklärte die Äbtissin gleichmütiger, als ihr zumute war. Mathilda ließ sich nicht beruhigen. „Wenn er vor Nordmännern geflohen ist, werden sie womöglich bald hier vor dem Kloster stehen!“, rief sie aufgeregt. „Es herrscht seit vielen Jahren Frieden zwischen den Nordmännern und dem Frankenreich“, gab die Äbtissin streng zurück. „Wer wüsste es besser als ich? Zeigst du deine Angst und Verzagtheit so deutlich, öffnest du deine Seele dem Teufel, und der wartet nur darauf, dass dein Gottvertrauen wankt.“ Was sie dem Mädchen verschwieg, war, dass sie selbst Angst hatte – weniger vor wilden Nordmännern, als davor, etwas falsch zu machen. Wenn sie noch lange auf die Krankenschwester warten mussten, würde der Mann verbluten. Obwohl eine Überwindung, kniete die Äbtissin sich schließlich seufzend auf den kalten Boden. Sie vermied zwar, die Haut des Fremden zu berühren – die vielleicht noch erhitzt war vom schnellen Laufen, vielleicht auch schon vom eisigen Hauch des nahen Todes erkaltet –, aber zog vorsichtig an dem zerrissenen Hemd. Begleitet von einem neuerlichen Blutschwall löste es sich und gab den Blick auf die klaffende Wunde in ihrer Gänze frei. Ein Schrei ertönte, schrill und lang. Kurz glaubte die Äbtissin, Mathilda hätte so geschrien; wer, wenn nicht ein weltfremdes Mädchen könnte derart die Beherrschung verlieren? Aber dann spürte sie, wie ihre Kehle schmerzte und ihre Brust dröhnte. Nein, nicht Mathilda hatte geschrien, Mathilda bekreuzigte sich nur, vom Anblick der Wunde nicht annähernd so verstört wie davon, dass der stets gefassten, ruhigen Äbtissin ein ebenso kläglicher wie entsetzter Laut entfahren war. Deren Blick war starr auf das Amulett gerichtet, das auf der Brust des Mannes lag, nur wenige Fingerbreit von der Wunde entfernt, eben noch vom Leinen bedeckt. Sie hatte es auf den ersten Blick erkannt. Er war nicht irgendein Amulett. Es war ... ihr Amulett. Die Äbtissin verkrampfte ihre Hände wie zum Gebet und biss sich auf die Lippen, um kein zweites Mal zu schreien. Das Amulett der Wölfin. „Wie ist Euch, Mutter Äbtissin?“, fragte Mathilda. Der Boden schien unter ihren Knien nachzugeben, nicht länger gestampfter Lehm, sondern ein Morast der Vergangenheit. Und das niedrige, heimelige Dach – es bot nicht länger Schutz vor der feindlichen Welt, sondern schien auf sie zu fallen und sie zu begraben, erdrückend wie die Bilder, die vor ihrem inneren Auge aufstiegen. „Mutter Äbtissin?“, fragte Mathilda wieder. Sämtliche Kraft hatte sich im Schrei erschöpft – nun fehlte diese, um die verlorene Fassung wiederzugewinnen und vor Mathilda die Wahrheit zu verbergen. „Ich ... ich glaube, ich kenne diesen Mann“, stammelte die Äbtissin. „Ich denke, ich weiß, wer er ist.“
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