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iiiii
Die Regentin - Textprobe
iiiii
I.
Kapitel
Britannien,
630 n. Chr.
Die Geburt
des Kindes war für die Mutter schmerzhaft, für die Mägde ermüdend und
für Acha unendlich langweilig. In gleichem Takt wie die Gebärende ächzend
gähnte, verzog sich Achas Mund zu einem Gähnen. Sie war nicht müde,
aber sie haderte mit dem Umstand, dass die Geburt zum einen Frauensache
und zum anderen eine äußerst langwierige Angelegenheit war, die zum
Warten und Stillstand nötigte.
Letzteres lag Acha nicht. Wiewohl ihre Knochen manchmal knackten wie
morsches Holz und das einstmals kräftige, aber nun ausgedünnte Haar eine
Farbe angenommen hatte, als habe sie es in Staub gebadet, hatte ihr das
Alter nicht die Lust genommen, wendig durch die Welt zu hetzen, sich vom
beschwingten Tagesgeschäft auf Trab halten zu lassen und nur dann
widerwillig innezuhalten, wenn die Müdigkeit die Lider zusammenpresste.
Freilich hätte sie heute entgegen dieser Vorliebe etwas darum gegeben,
einschlafen zu können, um erst dann aufzuwachen, wenn das Kind geboren
war. Sie hasste es schon jetzt nicht minder wie das Warten darauf. Gerne könnte
es auf ewig im aufgedunsenen, blau geäderten Leib stecken bleiben.
Nachkommenschaft war zwar das Wertvollste auf Erden und dafür zu sorgen
die Pflicht eines jeden ihrer Bewohner, aber gerade deshalb wollte Acha
der Schwiegertochter nicht gönnen, solcherart ihren Wert für den
Haushalt noch zu steigern. War es nicht schlimm genug, dass ihr maulfauler
Sohn dem Weibe mehr Respekt entgegenbrachte als der Mutter? Hatte Estrith
nicht jene widerwärtigen Sitten eingebürgert, die die alten Götter
vergraulten?
O, gerne hätte sie gesehen, wie diese Götter die junge Aufmüpfige
bestraften, indem sie ihr Kinder verweigerten! Doch nun lag sie tatsächlich
von Wehen geschüttelt und mühte sich ab, das Köpfchen durch die rote,
schmierige Scham zu pressen.
„Es scheint mir gar sehr lange zu dauern“, murmelte eben eine der kuhäugigen
Mägde. „S’geht nun schon seit Stunden nichts weiter.“
„Vielleicht liegt das Kleine falsch herum“, stimmte eine andere zu,
nicht minder gleichgültig glotzend. Sie hielt den Gürtel in der Hand,
den Estrith für gewöhnlich als Hausherrin trug, jedoch für die Geburt
abgenommen hatte. An Spangen befestigt waren Nadeln und ein Messer
angebracht, desgleichen eine Kordel mit allen wichtigen Schlüsseln.
Missmutig starrte Acha auf dieses Insignium der Macht und zugleich
Zankapfel zwischen den Frauen, denn diesen Gürtel, so befand Acha, sollte
sie als Älteste tragen, wohingegen Estrith befand, dass er allein ihr
zustünde – war sie es doch gewesen, die den christlichen Glauben in
dieses Haus gebracht und solcherart für jene notwendige Zeitenwende
gesorgt hatte, der sich allein Acha noch verweigerte.
Estrith stöhnte und griff nach der Hand einer der Mägde. Jene entriss
sie ihr, auf dass sie nicht schmerzhaft zudrücken konnte und trat einen
Schritt zu ihr.
„Ha!“, lachte Acha, desgleichen nicht gewillt, der Schwiegertochter zu
nahe zu treten, um ihr den Schweiß abzuwischen. „Bist also nichts
weiter als ein Schwächling, so wie dein Christengott! Als ich geboren
habe, entfuhr kein Laut meinen Lippen. Was soll dein Mann denn denken, der
da draußen wartet? Nicht allein, so wie’s mir zugetragen wurde. Eben
habe ich erfahren, dass Ricbert zu Gast weilt.“
Und wahrscheinlich, so dachte Acha, waren beide längst mit Met gefüllt,
sodass sie nicht mehr hörten, was sich hier im Langhaus zutrug.
Die Gebärende ächzte wieder, vielleicht aber war es auch Hohngelächter,
dass da über die aufgesprungen Lippen kam.
„Nun“, war sie immerhin befähigt zurückzugeben, „dies kann dich
kaum freuen, du alte Vettel! Du hasst doch Ricbert nicht minder als mich
und…“
Sie schrie auf, als eine neue Wehe sie erfasste. Die beiden Mägde
glotzten träge auf den Blutschwall, der sich zwischen den Beinen ergoss.
„S’kann sein, dass das Köpfchen jetzt doch kommt“, murmelte eine
gleichgültig.
O, sollte es doch in diesem roten Leib ersticken! schimpfte Acha
innerlich. Sollte Estrith mitsamt dem Balg verrecken!
Bösartig hatte sie es verweigert, Estriths Scham mit Schmalz einzureiben,
auf dass sie geschmeidiger wurde.
Ja, mit Ricberts Einfluss auf ihren Sohn Thorgils war nicht minder zu
hadern wie mit jenem Estriths. Auch er – ein Christ. Nach Northumbrien
(von Acha stets Saxonia genannt) gekommen als König Edwin die Schwester
Eadbalds von Kent heiratete. Das war fünf Jahre her, und in dieser Zeit
hatte ein gewisser Paulinus, den man als „Bischof“ bezeichnete, der
sich – wie Acha trocken befand – gerne reden hörte, vor allem in
Gegenwart möglichst vieler Menschen und der desgleichen das Brautpaar
begleitete, die Lande vergiftet. Den König hatte er zuerst getauft, dann
dessen Getreuen, schließlich alle Fürsten, zu denen auch Achas Sohn
Thorgil zählte. Nicht nur die Häupter wurden mit gar sonderlichem
Wasser, welches die Männer der Kirche geweiht nannten, beträufelt,
sondern obendrein alle Heiligtümer der alten Götter, die alsbald noch
schlimmer, nämlich durch den Bau von Kirchen entwürdigt wurden.
Ein blutiger Klumpen trat zwischen Estriths Schenkeln hervor, indessen
Fliegen im roten Dunst summten. Es roch nicht nach neuem Leben, sondern süßlich
wie Verwesung.
„S’ist tatsächlich das Köpfchen“, meinte eine der Mägde, zwar
endlich mit wachsendem Interesse, aber weiterhin tatenlos.
„Dann zieht es doch heraus!“, brüllte Estrith sich windend.
„Ha!“, lachte Acha. „Ich helfe dir gewiss nicht! Soll dir halt dein
Priester dein Kind holen!“
„Es ist auch von deinem Blute, Acha!“
„Eben darum“, sagte die Alte, jäh nicht nur höhnisch, sondern
ehrfurchtsvoll, „eben darum, ist es meine Pflicht, die Götter nach
seiner Zukunft zu befragen.“
Sprach’s, drehte sich zum und marschierte - an der hölzernen Trennwand
vorbei, die den Schlafbereich vom Hauptraum abtrennte - zur Feuerstelle.
„Nein!“, gellte Estrith. „Nein, das wirst du nicht tun!“
Ihr Atem kam stoßartig. Acha hingegen grinste vor sich hin, nahm einen
Haken von der Wand, durch deren Gerüst von Weidengeflecht frische Luft
von draußen strömte – und kniete sich nieder, um damit in der rotäugigen
Glut zu stöbern. Das Feuer war am Verlöschen, längst viel zu schwach,
um mit seinen flackernden Schatten die Wände zu bemalen.
„Ich tu, was ich für richtig halte.“
„Wag’s nicht, die Götter nach der Zukunft des Kindes zu befragen!“,
schrie Estrith, wiewohl die meisten Worte in einem Würgen und Ächzen
untergingen. „Sobald es geboren ist, wird’s getauft!“
„Nun“, lachte Acha, „dann musst du ja keine Furcht haben, dass es
der Götter Fluch trifft. Oder denkst du vielleicht dasselbe wie ich, dass
nämlich dein Christengott ein Schwächling ist?“
Estrith konnte nicht mehr reden. Auch ihr Schreien verstummte, als sie
hechelnd ihr Kind aus dem Leib presste. Acha indessen schrieb magische
Zeichen in die Asche ein, zu der die Feuerglut verfiel.
„Nicht gut“, murmelte sie, um Estrith zu ärgern. „Gar nicht gut
ist’s, was ich sehe.“
Thorgil beglotzte seine
neugeborene Tochter schweigend, was nicht verwunderlich war, denn er
befand, dass ein Mann andere Begabungen haben sollte, als jene zu
sprechen. Zumindest war er nicht betrunken, wie Acha es gedacht hatte,
sondern sah sich die kleinen, rot verschmierten Gliedmaßen erstaunlich
wach an.
„Es ist nur ein Mädchen!“, lästerte Acha, erleichtert, dass sie der
Schwiegertochter zumindest nicht die Geburt eines Sohnes gönnen musste.
Estrith war so bleich, als hätte ihr Leib während der Geburt alles Blut
aus den Adern gespieen. Vielleicht stirbt sie noch, dachte Acha
schadenfroh.
„Sie hat einen Zauber gesprochen“, murmelte Estrith tonlos. „Deine
Mutter hat einen bösen Zauber über das Kind gesprochen …“
Thorgil blickte stirnrunzelnd auf. Im Hauptraum erschienen grobschlächtige
Mägde und Knechte, um das Neugeborene zu beschauen. Sie kamen aus den Ställen
für das Vieh, die rund um das Langhaus gebaut waren, den Speicherhäusern,
in denen Getreide gelagert wurde und aus den Werkstätten, wo Holz und
kostbares Eisen verarbeitet wurde – zu Booten und Pflüge, Karren und
Fischereigerät.
„Das habe ich nicht!“, verteidige sich Acha. „Doch wer das zweite
Gesicht hat, der vermag in der Feuerglut die Zukunft des Menschen zu
sehen!“
Das Kindlein quietschte wie ein Kätzchen.
„Und“, fragte Thorgil, vom Streit der Frauen mürrisch gestimmt,
„was hast du gesehen?“
Acha zögerte.
Die Wahrheit war, dass sie weder das zweite Gesicht hatte noch mit den Göttern
sonderlich gut stand. Nie hatten ihr jene etwas bedeutet. Heraufbeschworen
hatte sie deren Namen erst, als Esthrith den schwachen Christengott ins
Haus holte. Das allein hätte Acha ihr verzeihen noch können – nicht
jedoch, dass sie aus dem maulfaulen, schlichten Sohn einen lebhaften Mann
machte, der ständig dem hübschen Leib der Gattin hinterher rannte und
dessen Stöhnen bis in den Hauptraum drang, wenn er auf ihr lag und sie
begattete. Acha hatte den eigenen Mann nie zu Regungen veranlassen können.
Was immer er auf ihr liegend tat (und was anfangs schmerzte, später
einfach nur zum lästigen Stillliegen und Warten zwang) – es hatte
niemals ein Geräusch gezeugt. Nicht minder an jedweder Regung
interessiert schien auch ihr Sohn. Die ersten Jahre seines Lebens hatte
sie gedacht, einen tumben geboren zu haben. Doch Estrith hatte sie eines
Besseren belehrt.
„Also, was hast du gesehen?“, drängte Thorgil.
Wie war es möglich, so hatte Acha oft gedacht, dass Estrith solche Macht
über Thorgil hatte, wiewohl der Christengott doch keine Frauen mochte und
seine Mönche noch viel weniger? Wie konnte es sein, dass sich oft schon
vor der Schlafenszeit seine Lenden unsittlich wölbten, wo doch die neue
Religion laut verkündete, dass Lust stets Sünde sei? Ja, wie konnte es
sein, dass sie selbst, Acha, den eigenen Mann nie zu jenem feuchten
Schafsblick bewegen konnte, wiewohl doch manche ihrer Götter weibliche
Namen trugen und auch Frauen Priesterinnen waren?
„Ich habe nichts Gutes gesehen“, sagte sie keuchend. „Dem Mädchen
steht ein hartes Leben bevor …“
„Lügnerin!“, stöhnte Estrith. „Du bist eine widerwärtige Lügnerin!“
Thorgil übergab das Kind einer Magd. „Ist das wahr, Mutter?“, fragte
er misstrauisch.
Acha zuckte mit den Schultern. Es war leichter, Estrith was vorzumachen
als ihm.
„Asche“, murmelte sie schließlich, um zumindest teilweise bei der
Wahrheit zu bleiben. „Ich habe nichts als graue Asche gesehen. Das kann
doch kein schönes Leben verheißen, oder?“
Immer mehr Menschen strömten ins Langhaus. Ricbert zählte dazu, Thorgils
engster Freund, und Sigwulf, der Sachse war – und Mönch.
Es war nicht gewiss, wie lange er den Streit gehört hatte, doch schon
trat er fort, ihn zu beschwichtigen – auf eine, wie auch Acha
widerwillig zugeben musste, sehr kluge Art, die keine der beiden Frauen
vor den Kopf stieß.
„Das Leben hier auf Erden ist für uns alle beschwerlich“, sprach er
in die dumpfige Schwüle hinein, die nach Schweiß und Blut roch. „Dem
neuen Menschenkind wird’s nicht anders ergehen. Gut also ist’s, wenn
es einen Namen erhält, der es stark macht für diese Welt.“
Thorgil schien erleichtert, dass er nicht derjenige war, der schlichtend
eingreifen musste, sich entweder mit dem Weibe oder der Mutter anzulegen
hatte.
„Dann bestimme du einen solchen Namen, Mönch!“, befahl er.
Acha knurrte leise, indessen Sigwulf auf das quietschende Neugeborene
zutrat. „Sie soll Bathildis heißen“, beschloss er. „Darin stecken
die sächsischen Wörter für Mut und Kampf – und es kann gewiss nicht
schaden, wenn sie eine mutige Kämpferin wird!“
Acha verbiss sich die Worte, aber wieder stürmte alt vertraute
Verbitterung durch ihre Gedanken. Ha! Als ob der feige, geschundene
Christengott nach mutigen Kämpferinnen verlangte! Als ob er den Weibern
jene Macht überließ, die Acha gerne dem eigenen Geschlecht zugedacht hätte
– nur eben nicht der aufmüpfigen Schwiegertochter, die diese Macht als
einzige zu besitzen schien!
„Mag das reichen, sie zu beschützen?“, fragte Estrith furchtsam.
Es begann jener zu sprechen, der an der Seite des werdenden Vaters die
Geburt erwartet hat.
„Ach werte Estrith“, sagte Ricbert. „Bangt Euch nicht um das kleine
Mädchen hier. So ungewiss mag seine Zukunft nicht sein, denn eben noch
besprachen dein Mann und ich, dass das Kind, sofern’s eine Tochter würde,
dereinst die Braut von meinem Sohn Aidan sein soll. Er kam vor drei
Monaten auf die Welt, und wir haben ihm den Namen jenes irischen Mönchs
gegeben, der ihn auch zur Taufe hob. Du weißt, wie nahe ich dem Königshofe
stehe … ein künftiger Gatte aus meinem Geschlechts mag ein vorzügliches
Geschick verheißen!“
Acha wandte sich ab, von den verheißenden Worten nun endgültig der Möglichkeit
beraubt, Estrith zuzusetzen. Ob ihrer heftigen Bewegungen wirbelte die
Asche in der Feuerstelle hoch und verwischte langsam zu Boden tänzelnd
die Zeichen, die sie gemalt hatte.
„Bring Holz!“, knurrte Acha eine der Mägde an, die eben die säuerlich
riechende Nachgeburt nach draußen tragen und dort verscharren wollte.
„Siehst du nicht, dass das Feuer erloschen ist?“
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