iiiiiii I. Alais
hoffte, dass Louise bald sterben würde. Nicht,
dass sie ihr den Tod wünschte. Wäre es nach ihr gegangen, hätte Louise
gerne weiterleben können – in jener verdreckten Fischerkate, die die
anderen Frauen des Dorfs nur mit gerümpfter Nase betraten, weil Louise
keine Ordnung zu halten wusste; mit jener Schar Kinder, die entweder
verschorft, verrotzt oder verlaust waren, in jedem Falle aber ständig plärrten;
mit ihrem maulfaulen Gatten, der mit seinen Fischen redete, jedoch nie mit
seinem Weib. Nun, Worte hatte es keiner bedurft, um ein neues Menschenkind
zu zeugen – und ein solches wand sich nun im Leib der armen Louise, die
vergebens versuchte, es irgendwie herauszupressen und deren Kräfte
sichtlich schwanden. Alais war sich sicher, dass Louise nach etlichen
Stunden gleiche Wahl getroffen hätte wie sie: Lieber ein schneller Tod,
als ein langsames Warten darauf. Dass
sich Louise unmenschlich quälen musste, immer schwächer wurde und schließlich
halb ohnmächtig verstummte, anstatt das Balg endlich zur Welt zu bringen,
tat Alais durchaus leid. Noch bedauerlicher fand sie freilich, dass sie
selbst in der blut- und schweißerfüllten Luft warten musste, um ihrer
Mutter Caterina zur Hand zu gehen. Diese stand der Gebärenden als Hebamme
bei und war der Meinung, dass es für ein junges Mädchen beizeiten
hilfreich war, mehr über die Prozedur einer Geburt zu erfahren, mochte
die Tochter auch – leider vergebens – entgegenhalten, dass sie am
liebsten so wenig wie nur irgend möglich darüber wüsste. So
musste sie stehen, bis ihr Kopf sich wie leer anfühlte, musste Leinentücher
reichen, um das Blut zwischen Louises Schenkel damit abzuwischen -
hinterher klebte es unangenehm zwischen den eigenen Fingern - und musste
dann und wann frisches Wasser zu holen. Damit wurde Louises verschwitzte
Stirn gekühlt und ein übel riechender Kräutersud über offener
Feuerstelle gebraut. Jedes Mal, wenn diese Pflicht sie von der Qual
befreite, im engen Raum zu sein, blieb Alais länger draußen am Brunnen
stehen als nötig. Und jedes Mal rief ihre Mutter streng, sie solle sich
nicht faul stellen und Zeit vertrödeln, es ginge schließlich um Louises
Leben. Alais
war sich freilich sicher, dass Louises Leben nicht in ihren Händen lag,
genauso wie ihre Mutter schließlich nichts mehr auszurichten vermochte,
um ihr zu helfen – das sah sie an deren gerunzelter Stirne. Und die
anderen Weiber des Dorfs, die sich neugierig und sensationsheischend in
Louises Wochenstube zusammengerottet hatten, waren desgleichen unfähig,
die Qualen zu mindern. Alais
verstand nicht, warum sie freiwillig blieben und sich erst in der letzten
Stunde langsam Anzeichen der Müdigkeit und des Überdruss breitgemacht
hatten. Wohingegen sie anfangs noch beseelt zur Heiligen Margaretha
gebetet hatten, die gebärenden Weibern beistand, redeten sie nun so abfällig
über die leise stöhnende Louise, als wäre sie schon tot. „Wahrscheinlich
ist sie selbst schuld“, meinte Régine. „Schwangere sollen keine
sauren, bitteren oder stark gewürzte Speisen zu sich nehmen, statt dessen
nur lang Gekochtes und Suppen. Auch Kälte schadet ihnen.“ „Was
weißt du schon, was sie gegessen hat?“, fuhr Alais’ Mutter sie an. „Sicher
nichts Anständiges!“, kam Ursanne Régine zur Hilfe. „Louises Mann
ist ein Taugenichts, und jeder weiß, dass er die Fische fängt, die die
meisten Gräten und das wenigste Fleisch haben.“ „Das
ist aber doch nicht ihr Schuld!“ „Ach
Caterina!“, rief Régine und wischte sich den Schweiß von der eigenen
Stirn. Bis eben noch war sie bestrebt gewesen, gleiches bei Louise zu tun,
doch das schien ihr mittlerweile als verlorene Liebesmüh. Ein Zeichen,
dass es zu ende geht, dachte Alais und lauschte auf Louises röchelndem
Atem, um nicht zu verpassen, wann jene endlich den letzten Zug genommen
hatte und sie nicht länger hier verharren musste. „Ach,
Caterina!“, wandte sich Régine wieder an die Mutter. „Wäre sie klug
gewesen, hätte sie sich dieses Kind gar nicht erst machen lassen!“ „Ja,
glaubst du denn, Remi hat sie vorher gefragt, ob er sich auf sie legen
darf?“ Dies
hatte er gewiss nicht getan, wo doch jeder wusste, dass Remi nur mit
seinen Fischen sprach, aber nicht mit seinem Weib. „Das
meine ich nicht“, erklärte Régine. „Aber jede Frau weiß, wie sie
verhindert, dass sich ein Balg bei ihr einnistet. Sie muss sich nach dem
Beischlaf sofort erheben, gähnen und durch die Nase schnauben. Wenn
Louise daran gedacht hätte, dann müsste sie jetzt nicht sterben.“ „Noch
ist sie nicht tot!“, gab Caterina zurück, obgleich Alais sah, dass sich
die sorgenvollen Falten noch tiefer in ihre Stirn gruben. „Dir
fällt doch auch nichts mehr zu tun ein, Caterina!“, sagte eine der
anderen Frauen – die alte Bethilie, deren Worte etwas undeutlich klang,
weil sie vor langer Zeit ihre Schneidezähne verloren hatte. „Du hast
versucht, das Kind zu wenden, aber es liegt richtig, will sich nur nicht
voranbewegen. Hast ihr ein Gebräu aus zerriebener Myrrhe und Nieswurz
eingeflößt und ihr auch den Leib damit eingerieben. Wenn es alles nichts
hilft, dann ist es eben Gottes Wille ...“ Bethilie
brachte den Satz nicht zuende, sondern zuckte bedauernd die Schultern. „Dennoch“,
bestand Caterina, „wir dürfen sie nicht aufgeben, wir ...“ „Bitte“,
ertönte da plötzlich eine schwache Stimme. Alle
im Raum zuckten zusammen, selbst Alais. Sie hätte es nicht für möglich
gehalten, dass die geschundene Louise noch sprechen konnte. Aber nun hob
sie sogar die Hand, um ein Zeichen zu machte, dass Caterina näher treten
möge. „Bitte“, wiederholte sie. „Du musst mir die Beichte
abnehmen.“ Caterina,
die sich über sie gebeugte hatte, fuhr zurück. „Ich bin kein
Priester!“, erklärte sie, von jenem Anliegen sichtlich verwirrt. Régine
legte nachdenklich den Kopf schief. „In höchster Not darf auch eine
Hebamme die Beichte abnehmen.“ Wenn
Louise schon selber einsieht, dass sie sterben muss, kann es in der Tat
nicht mehr lange dauern, dachte Alais und trat unruhig von einem Bein auf
das andere. „Vielleicht
sollten wir Frère Lazaire holen?“, schlug Ursanne vor. Ratlos
sahen sich die Frauen an. “Bitte ...“, stöhnte Louise wieder. Doch
noch ehe eine der Frauen den Entschluss fassen konnte, den Priester zu
holen, wurde polternd die Türe aufgestoßen. Begierig streckte sich Alais
dem frischen Luftzug entgegen. Ob dieser Labsal achtete sie nicht darauf,
wer es war, der in die Kate stürmte. Wahrscheinlich eines von Louises
Kinder. Allerdings – jene würden nicht wortlos eintreten, sondern laut
plärrend. Als
Caterina obendrein ein empörtes „Hinaus!“, schrie, hob Alais
neugierig den Blick. Es war keines der Bälger. „Ich
habe gehört, dass hier meine Hilfe gebraucht wird“, sagte ein junger
Mann, groß und hager, mit kinnlangen Haaren und nussbraunen Augen. Er war
ein Fremder, den man noch nie in Sainte-Marthe gesehen hatte. Die
Proteste der Frauen erklangen schon, kaum dass der Mann die Türschwelle
überschritten hatte. Am empörtesten fiel Caterinas Aufschrei aus. „Ihr
wagt es?“, fuhr sie den Fremden an. Unwillkürlich
musste Alais grinsen. Dass Geburt Frauensache war, hatte sie stets
bedauert. Zum einen, weil man von ihr erwartete, sie möge daran Interesse
zeigen; zum anderen, weil nach ihrer Erfahrung das Leben noch eintöniger
und stiller verlief, wenn die Geschlechter strikt getrennt waren. Doch
der Fremde setzte sich schamlos über alt bewährte Grenze hinfort und
trat zielstrebig auf Louises Wochenbett zu, ohne sich an dem Gestank, der
wie eine Glocke darüber hing, zu stören oder sich vor dem Blut zu ekeln,
das sich dunkel um ihre Leibesmitte ausgebreitet hatte. „Ist
es ein Priester?“, stöhnte Louise. Zu
Alais’ Schadenfreude – sie sah, dass ihre Mutter sich eben zur
Schimpftirade rüstete – schüttelte der Fremde verneinend den Kopf.
Obendrein hob er die Hand und machte eine Bewegung, als würde er einer
der Frauen zuwinken. Alsbald stellte sich jedoch heraus, dass nicht diese
gemeint waren, sondern einem zweiten ungebetenen Mann, der eben im Türrahmen
erschien, so groß und so schmächtig wie der Fremde, nur nicht ganz so
hastig und entschieden in seinen Regungen. „Hinaus!“,
tobte Caterina wieder und die zahnlose Bethilie schloss sich ihr mit
unverständlichem Grummeln an. Indessen
der Fremde Louises Gestalt betrachtet, war sein Begleiter – noch in der
Türe stehend – eher bereit, eine Erklärung abzugeben. „Ihr
Mann hat uns zu euch geschickt.“ Fassungslos
blickten die Frauen einander an, denn noch unvorstellbarer, als dass ein
Mann freiwillig einer Frau beim Gebären zusah, war die Möglichkeit, dass
Remi mit Fremden redete, wo doch für gewöhnlich nicht einmal die eigene
Familie seine Stimme zu hören bekam. „Dann
muss er getrunken haben!“, versuchte sich Régine das Unvorstellbare zu
erklären. „Welcher
Schwachkopf hat ihn wohl dazu verführt?“, murrte Caterina, offenbar
gewiss, dass Remi eine solche Entscheidung niemals allein hätte treffen können.
Im nächsten Augenblick rief sie jedoch ein empörtes „He!“, das nicht
Louises maulfaulem Ehemann galt, sondern dem Fremden, der seine Hände
forschend in den Leib der Gebärenden steckte, und ungeachtet des Bluts
und des Schleims, die ihm entgegen quollen, darin grub. Louise
indes schien sich nicht daran zu stören. Von Schmerzen und Anstrengung
verwirrt, dachte sie, der Fremde wäre tatsächlich ein Priester, und
begann stockend ihre Sünden aufzuzählen. Alais
prustete los; Bethilie und Régine hingegen spitzten neugierig die Ohren.
Die Worte waren zu wirr, um daraus echten Skandal zu ziehen, doch Alais
war sich sicher, dass Bethilie sich hinterher mancherlei Untaten
zusammenreimen würde, um es raunend im Dorf zu erzählen. „Halt
den Mund, Louise!“, rief Caterina. „Er ist kein Priester, er ist
...“ „Ich
bin Cyrurgicus“, sagte der Fremde. Seine Stimme klang rau und
bestimmt. Da er sich immer tiefer über Louise beugte, fielen ihm seine
braunen Haare ins Gesicht, schweißverklebt und so schief geschnitten, als
wären sie ohne jede Sorgfalt mit einem Messer abgesäbelt worden.
Alais’ Blick glitt über seine restliche Gestalt. Sonderlich wohlhabend
sah er nicht aus. Die Tunika aus Leinen war von Flecken übersäht, was
kein Wunder war, wenn sein Trachten, sich rein zu halten, immer so gering
ausfiel wie zu dieser Stunde. Über der Tunika trug er ein aus kratzender
Wolle gefertigtes, knielanges Obergewand, doch wohingegen solches bei den
meisten Männern lange Ärmel besaß, war es bei ihm auf Schulterhöher
abgerissen – offenbar um ihn in Augenblicken wie diesem nicht zu stören.
Die hüfthohen Beinlinge waren von Löchern und Rissen übersäht. Caterina
drängte sich nun unwirsch zwischen ihn und die Gebärenden. „Fasst
sie nicht an!“, zischte sie. „Ich bin die Hebamme!“ Der
Fremde warf nur einen kurzen Blick auf sie, ehe er sich wieder Louise
zuneigte. „Offensichtlich keine gute.“ Alais
hörte, wie die Mutter scharf den Atem einzog, und musste sich auf die
Lippen beißen, um nicht ein zweites Mal loszuprusten. Sie hätte es nicht
für möglich gehalten, dass dieser öde Tag noch derart vergnüglich
werden konnte. „Ich
hab alles getan, was man tun kann“, erklärte Caterina. „Ich
habe....“ Der
Fremde hob seine Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. „Mag sein“,
erklärte er. Alais sah, dass seine braunen Augen glänzten; er drehte
sich um, winkte erneut dem zweiten Mann zu und griff tief in den
Lederbeutel, den jener ihm reichte. „Mag
sein“, wiederholte er. „Aber eine Hebamme kann ihr Leben nicht retten.
Das kann nur ich. Ich muss das Kind aus ihr herausschneiden.“ Louise
hatte die Worte des Fremden nicht mehr gehört. Ihr Kopf war etwas nach
hinten gekippt; die Hände, die sich eben noch auf der Brust ineinander
verkrampft hatten, lösten sich und fielen lasch zur Seite. Kurz dachte
Alais, der Schrecken über diese Worte hätte sie gemordet, doch ihre
Brust hob und senkte sich weiterhin. Wahrscheinlich war die Ohnmacht eine
Gnade – vorausgesetzt, der Fremde setzte um, was er da wahnwitzig
plante. Alais’
Mutter wollte es ihm keinesfalls gestatten. Beherzt drängte sie ihn
wieder von der Gebärenden zurück und schlug ihm die Hände weg. „Wie
könnt Ihr es wagen! Wie könnt Ihr es wagen, solch einen Gedanken auch
nur in Erwägung zu ziehen!“ Die
übrigen Frauen steckten tuschelnd ihre Köpfe zusammen. Der
Fremde hingegen richtete sich zur vollen Größe auf und starrte verächtlich
auf Caterina herab. „Ihr wünscht also, dass sie stirbt?“ „Ihr
könnt das Kind nicht aus ihr herausschneiden! Nicht solange sie noch
lebt! Das ist verboten! Man darf es erst versuchen, wenn sie tot ist!“ Der
Fremde schüttelte den Kopf. Sein unregelmäßig geschnittenes Haar fiel
ihm ins Gesicht, bedeckte es fast vollends. „Wenn Ihr also die Wahl
zwischen zwei Leben oder einem habt – dann entscheidet ihr Euch für
letzteres?“ An
der Art und Weise wie sie ihre Lippen zusammenkniff, gewahrte Alais, wie
ihre Mutter ins Zweifeln geriet. Hilflos zuckte Caterina die Schultern.
„Wer sagt, dass Ihr sie beide zu retten vermögt? Wer seid Ihr überhaupt?“ „Mein
Name ist Javier Astard. Man nennt mich Aurel, nach dem Dorf, aus dem ich
stamme.“ Eine Weile beließ er es bei diesem Satz, als genügte die
Nennung seines Namens, um seine Anwesenheit zu erklären. Schließlich fügte
er jedoch hinzu: „Ich habe in Montpellier studiert. Medizin mit
Schwerpunkt Chirurgie. Ich weiß, wovon ich rede.“ Caterina
kniff die Lippen noch fester aufeinander. Alais konnte ahnen, was ihr
durch den Kopf ging. Nicht selten hatte ihr Vater, Caterinas Mann, die
Universität von Montpellier gerühmt und voller Bewunderung verkündet,
dass es im Süden Frankreichs keinen besseren Ort gäbe, die Medizin zu
erlernen. Wehmut hatte stets durch diese Worte hindurchgeschimmert, weil
ein dortiges Studium sein unerfüllter Lebenstraum geblieben war. Aurel
Astard deutete auf den anderen Mann, der nun von der Türe fort an Louises
Bett trat. „Das ist mein Bruder Emeric“, erklärte er. „Er wird mir
helfen.“ Noch
gab Caterina ihren Platz nicht auf. Noch schüttelte sie den Kopf. „Wer
sagt mir, dass ich Euch trauen kann?“ Ehe
der Fremde antworten konnte, trat Alais vor und zog die Mutter sachte am
Arm. „Mutter, so sieh doch nur auf Louise ... es bleibt keine Zeit mehr
...“ Der
Atem der Gebärenden war flacher geworden. Caterina
stieß einen knurrenden Laut aus, dann trat sie schließlich zurück. Sie
ging zum Kopfende des Betts, strich über Louises schweißbedeckte Stirne. „Aber
ich werde hier bleiben“, erklärte sie trotzig. „Ich werde zusehen.“ Aurel
nickte. „Ein Stück Holz“, es war das erste Mal, dass er sich an Alais
wandte, und als der Blick dieser glänzenden, braunen Augen sie traf,
erzitterte sie leicht. „Bring mir ein Stück Holz!“ Rasch
lief Alais nach draußen. Sie hörte ihre Mutter streng nach dem Zweck
fragen – doch Aurel erklärte ihn ihr nicht. „Und ich brauche Wein,
viel Wein!“, rief er ihr nach. „Wenn möglich eine ganze Cupa voll!“ Alais
eilte hinter das Haus, wo Holzscheite gestapelt waren. Sie nahm eines,
stellte fest, dass es zu groß war und schlug mit der Hacke ein Stück ab.
Erst nun gewahrte sie die vielen Blicke, die auf sie gerichtet waren. Die
Bewohner von Sainte-Marthe hatten
sich um das Haus versammelt – nicht von Louises Geburt und ihrem möglichen
Tod angelockt, sondern von der Tatsache, dass sich bei ihnen ein Fremder
aufhielt, was nur selten geschah. Viel
zu selten, befand Alais. „Ist
es wahr?“, raunte der alte Ricard ihr zu. „Ein Medicus ist hier?“ „Ein
Cyrurgicus!“, erklärte Alais – stolz, weil sie mehr wusste als der
Rest. „Er hat in Montpellier studiert.“ Dann
huschte sie wieder ins Haus. Die schlechte Luft traf sie wie ein Schlag.
„Hier“, sagte sie und reichte Aurel Astard das Stück Holz. Sie
hoffte, dass die braunen Augen sie erneut anblicken, dass sie Zustimmung
und Dank ausdrücken würden. Doch er beachtete sie nicht, sondern nahm
schweigend das Holz und steckte es zwischen Louises Zähne. „Ihr Mund
muss geöffnet bleiben“, sagte er, „damit das Kind ausreichend Luft
bekommt.“ Erklärte
er ihnen, was er tat – oder sagte er es sich lediglich selber vor? Indessen
hatte sein Bruder Emeric von einer hilfreichen Hand den geforderten Wein
gereicht bekommen. Aus dem Lederbeutel zog er kleine Bauschen Baumwolle,
tränkte sie darin und begann damit den aufgequollenen Bauch von Louise
einzureiben. Da der Wein rot war, schien sich die Blutlache, die sich um
ihren Leib gebildet hatte, noch zu vergrößern. Nachdem sein Werk
vollendet war, tauchte er ein scharfes Messer in den Wein. Alais’
Magen grummelte. Wie die meisten anderen Frauen vermochte sie nicht
hinzusehen, als er seinem Bruder das Messer reichte und dieser es
ansetzte. Nur Caterinas Blick – das erkannte sie flüchtig aus dem
Augenwinkel – war starr auf Aurels Hände gerichtet. Jene
schienen nicht zu zittern, desgleichen, wie seine Stimme ruhig klang, als
er sich Satz für Satz vorsagte, was zu tun war. Der
Schnitt, so tönte es aus seinem Mund, sollte am unteren Teil des
Schambeines beginnen und genau eine Handbreit lang sein. Sobald er
durchgeführt war, müsse man mit geölten Händen in den Einschnitt
greifen und die Eingeweide beiseite schieben. Der Kopf der Gebärenden
sollte tief liegen. Erst nachdem die Gebärmutter geöffnet worden war, dürfte
man sie in die Seitenlage bringen. Alais
duckte den Kopf tiefer. Tat er bereits, was er da ankündigte? Louises
Ohnmacht war so tief, dass sie den Schrei nicht ausstieß, gegen den sich
Alais insgeheim wappnete. Als
sie endlich wagte, wieder hinzusehen, zog Aurel bereits einen roten
Klumpen aus dem Leib, so über und über mit Blut bedeckt, dass Alais
vermeinte, er würde Louise ausweiden. Erst eine Weile später ging ihr
auf, dass der Klumpen das Kind war, dem er auf die Welt half – noch
regungslos, noch stumm. Er
wollte es seinem Bruder reichen, doch dessen Hände hielten die Wunde geöffnet,
sodass Caterina vortrat, den Klumpen an den Beinen packte und ihn mit dem
Kopf voran nach unten hielt. Sie schüttelte den Fleischberg, der langsam
menschliche Konturen annahm, schlug sanft auf seinen Po. Ein Ruck ging
durch die Glieder, dann war ein Fipsen zu hören, kaum lauter als das
einer Maus. „Befreit
es von den Eihäuten!“, befahl Aurel. „Ich durchschneide indes die
Nabelschnur!“ Wieder
senkte Alais angewidert den Blick. Sie konnte nicht zuschauen, wie er
dieses bläuliche Gewürm ergriff und abklemmte, desgleichen nicht, wie er
sich dann dem offenen, blutenden Leib zuwandte. „Schnell!
Wir müssen sie wieder auf den Rücken legen!“, befahl er schroff. Caterina
konnte ihm nicht helfen, da sie das Kind in den Händen hielt, die anderen
Frauen wagten nicht, näher zu kommen, und Emeric zog die Ränder der
Wunde nun nicht länger auseinander, sondern presste sie zusammen.
„Nun
mach schon!“, schrie Aurel Alais an. Trotz ihres Ekels trat sie näher,
ergriff Louise an der Schulter und wälzte sie in Rückenlage. Sie lag
kaum ruhig, als Aurel schon begann, die Wunde zu vernähen. Alais sah eine
Nadel zwischen seinen länglichen Fingern aufblitzen; den Faden dahinter -
bei den tiefer liegenden Hautschichten, ein dünner aus Seide, später,
beim Schließen der Bauchdecke der aus einer Sehne gemachten - sah sie
hingegen nicht. Indessen
bereitete der Bruder des Cyrurgicus einen Verband aus Hanfstoff vor, den
er in drei Eiern tränkte. „Müssen
es drei sein?“, hörte sie Ursanne, von der er diese offenbar erbeten
hatte und die für ihre Sparsamkeit bekannt war, raunzen. „Hätten es
zwei nicht auch getan?“ Der
Cyrurgicus gab keine Antwort. Sein Haar fiel ihm noch tiefer als vorhin
ins Gesicht, als er den Verband anlegte, doch er hatte keine Hand frei, es
zurück zu streichen.
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