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Ich
schreibe seit ich vierzehn Jahre alt bin. Damals begann ich mich sehr für
Geschichte zu interessieren, las meinen ersten historischen Roman und
dachte: So etwas will ich auch schreiben. Mich
in eine andere Epoche hineinzuversetzen, alles darüber zu erfahren und in
diesen vergangenen Zeiten meine Protagonisten „auferstehen“ zu lassen
ist seitdem meine größte Leidenschaft geblieben. Obwohl ich zwar auch
Kurzgeschichten geschrieben habe, war mir doch immer der Roman die liebste
Form dafür – einfach, weil
er lang genug ist, um mit meinen Protagonisten regelrecht „mitzuleben“.
Die
Ausdauer, über mehrere Monate an so einer Geschichte zu schreiben, hatte
ich früh. Doch es fehlte mir lange Zeit an Erfahrung, Schreibtechnik,
Hintergrundwissen. In den ersten Jahren habe ich nur für die
„Schublade“ geschrieben. Erst nach meinem Studium und meiner
journalistischen Ausbildung konnte ich das, was ich immer schon mit großer
Hingabe gemacht habe, auch mit dem notwendigen Handwerk verbinden – und
wurde veröffentlicht.
Neben
der schon genannten Faszination, die historischen Stoffen gilt, ist es vor
allem folgender Grund: Ich glaube, dass die Lebensbedingungen vergangener
Zeiten Menschen viel häufiger in existenzielle Grenzsituationen brachten
als unser heutiger quasi „gut behüteter“ Alltag. Die Umgangsformen
waren archaischer, das Leben grausamer, Tod und Krankheit ein viel
unberechenbarerer Teil des Alltags. Gerade solche Situationen – wenn
Menschen um ihr Leben und ihre Selbstbestimmung kämpfen, wenn sie über
ihre Grenzen gehen müssen, wenn sie mit sich selbst, ihren Stärken und
Schwächen konfrontiert werden – machen oft einen „guten Stoff“ aus. Ich
will ein Beispiel geben: Meine Protagonistin Sophia in „Die
Chronistin“ – eine außerordentlich intellektuell begabte Frau mit
fotographischem Gedächtnis – könnte natürlich auch die Heldin eines
Gegenwartsroman sein, nur würde ihr Leben in viel geordneteren Bahnen
verlaufen, viel weniger Schwierigkeiten mit sich bringen, viel weniger Kämpfe
erfordern. Mit etwas Glück würde sie als Hochbegabte erkannt und gefördert
– nun und? Das macht noch keinen Roman aus. Man müsste ihr weitere
Hindernisse in den Weg stellen, um ihr Leben wirklich zuzuspitzen. Im
Mittelalter hingegen ist es allein das Zusammenprallen von dieser
intelligenten Frau mit der Borniertheit ihrer Zeit, das bereits echte
Konflikte und dadurch eine gute Geschichte begründet.
Das
hat sich stark verändert. Je mehr das Schreiben vom Hobby zum Beruf
wurde, desto professioneller wurde meine Arbeitsweise. Früher habe ich
einfach drauflosgeschrieben, um dann erst zu sehen, wie sich ein Buch
entwickelt – mit der Konsequenz, dass ich vieles umarbeiten und neu
schreiben musste. Heute erarbeite ich zuerst ein sehr exaktes „Gerüst“;
das eigentliche Schreiben geht dadurch viel schneller. Mittlerweile
brauche ich von den ersten Recherchen bis zum fertigen Manuskript ca.
sechs bis acht Monate. Bei weniger rechercheintensiven Romanprojekte genügen oft drei bis sechs Monate..
Ich
lese sehr viel wissenschaftliche Literatur zum Thema, natürlich auch
Originalquellen. In der Recherchephase verbringe ich sehr viel Zeit in
Bibliotheken, wo ich mir Notizen mache und diese bereits in das
„Grundgerüst“ des Romans einarbeite. Sehr
wichtig ist mir darüber hinaus, Originalschauplätze kennen zu lernen.
Viele Ideen – z.B. wie sich konkrete Szenen ausschmücken lassen –
fallen mir erst während meiner Recherchereisen ein. Solche Reisen fallen
natürlich nicht immer gezielt aus: Manche Romane entstehen erst dadurch,
dass ich Reisen unternehme, von bestimmten Orten fasziniert bin und vom
„Genius Loci“ entsprechend inspiriert werde.
Das
ist sehr unterschiedlich: Manchmal bin ich von einem Thema derart
fasziniert, dass ich darüber unbedingt einen Roman schreiben will. Das
war bei „Die Regentin“ so, wo ich aus Zufall auf einen Artikel über
die Merowingerkönigin Bathildis stieß und mich diese Figur einfach nicht
mehr los ließ. Auch in anderen Fällen waren es historische Eckdaten, die
ich im Kopf hatte und die sich irgendwann mit einer Romanidee verbanden. Dann ist es wiederum so, dass oft jahrelang ein bestimmter Plot in meinen Gedanken kreist, sich weiterentwickelt – und sich dann plötzlich mit einer bestimmten Epoche verbindet. Grundsätzlich
empfinde ich es so, dass man Romanideen nicht einfach erzwingen kann, nach
dem Motto: Ich nehme mir jetzt ein Blatt Papier, mache ein Brainstorming
und schreibe es auf. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass sie einem
„geschenkt“ werden. Man ist beim Zähneputzen, man fährt stundenlang
auf der Autobahn – und dann plötzlich ist der Plot da und scheint einem
regelrecht zu „gehören“. Oder man stößt ganz zufällig auf ein
interessantes Thema, weil einem zur richtigen Zeit der richtige
Zeitungsartikel in die Hände fällt. Ich
vergleiche das gerne mit der Partnersuche. Man kann nichts erzwingen,
nichts ertrotzen – vielmehr passiert es ganz plötzlich, dass einen ein
„Coup de foudre“ trifft oder aus einer jahrelangen Freundschaft Liebe
erwacht. Viele
solcher „Lieben“ hege ich übrigens gleichzeitig. Ich trage meist
mehrere Romanideen mit mir herum, und entscheide mich immer nach Abschluss
eines Romans spontan, welche ich als nächste realisieren werde.
Bei den historischen Romanen ist mir ein gewisser Realismus sehr wichtig. Natürlich
schreibe ich meine Bücher durch die Brille eines modernen Menschen. Ich
werde mich nie ganz in eine fremde Epoche hineinversetzen können. Aber
ich will die Vergangenheit nicht nur als farbenprächtige Kulisse
benutzen, in die man dann modern denkende Menschen stellt. Ich
versuche vielmehr, die Handlungsweisen meiner Protagonisten im Lichte der
Mentalität ihrer Zeit, der damals vorherrschenden weltanschaulichen und
theologischen Strömungen zu erklären. Dazu gehört auch, den Leser damit
zu konfrontieren, dass das menschliche Miteinander oft viel archaischer,
grausamer, brutaler als in der heutigen Zeit ausfiel.
Und
typisch „Kröhn“ ist natürlich die Zeichnung der Charaktere. Meine Protagonisten
sind oft zerrissene, ambivalente Menschen – Menschen, die scheitern, die
schuldig werden, die mit sich selbst zu kämpfen haben. Meine Protagonisten verhalten sich oft
widersprüchlich, müssen eine integre Persönlichkeit erst entwickeln,
kommen erst mit der Zeit zu Einsichten.
Das
ist es auch, was für mich ein Happy–End ausmacht: Nicht, dass die
Prinzessin den Prinzen kriegt, sondern dass ein Mensch, bei dem manches
schief gelaufen ist – sei’s weil er falsch gehandelt hat oder weil die
Umstände ihm entsprechende Hindernisse auferlegt haben –, sich mit sich
und seinem Leben versöhnt, dass er sich und anderen vergeben kann und
dass er die Ecken und Kanten seiner Biographie und Persönlichkeit als die
„je–seinigen“ anerkennt.
In
der Recherche– bzw. Konzeptionsphase schreibe ich so gut wie gar nicht.
Ich trage Informationen zusammen, arbeite am Plot, formuliere höchstens
mal einzelne Dialoge oder Landschaftsschilderungen aus. In
der eigentlichen „Schreibphase“, wo ich das vorhandene Gerüst quasi
„abarbeite“, schreibe ich fast jeden Tag (ausgenommen jene Zeit, da
ich als Journalistin tätig bin oder ich ausnahmsweise mal frei mache, was
in dieser Phase jedoch sehr selten vorkommt). Ein
solcher Schreibtag verläuft relativ genormt: Ich schreibe am Vormittag
und Nachmittag je zwei Stunden, und eventuell auch am Abend. Dabei
entstehen pro Tag mindestens sechs Manuskriptseiten, aber auch schon mal
zehn bis fünfzehn. Ich
empfinde diese Schreibphasen als den intensivsten Teil
der Arbeit an einem Roman – wohl auch, weil ich mich dann sehr von
meiner Umgebung abkapsle. Zum Schreiben muss ich allein sein – und zwar
nicht nur während des Schreibens an sich, sondern auch in den Pausen. Es
wäre z.B. sehr schwer, mal eben mittendrin eine Freundin zu treffen oder
die letzte Zeile zu schreiben und dann zu einer Party zu gehen –
vielleicht, weil ich zu tief in eine „Parallelwelt“ eintauche. Gemäßigter
geht es dann in der „Überarbeitungszeit“ zu, wo ich am fertigen
Manuskript feile.
Es
kommt häufig vor, dass es in einem Roman Bezüge zu meinem wirklichen
Leben gibt, das Schreiben also fast schon eine Art therapeutische
Verarbeitung von Erlebnissen darstellt. Es ist zwar nicht so, dass ich mir
sage: So, jetzt habe ich z.B. eine unglückliche Liebe hinter mir, jetzt
schreibe ich darüber. Aber wenn ich dann am Schreiben oder am Überarbeiten
bin, stoße ich häufig auf einen sehr persönlichen Aspekt der
Geschichte, erkenne, dass sie – ganz unerwartet und unverhofft – ein
Lebensthema wiederspiegelt. Es
gibt zudem viele Parallelen zwischen mir und meinen Protagonistinnen –
wobei ich das nicht willentlich plane, sondern sich das unbewusst
entwickelt. Das liegt daran, dass jeder Roman ein Eigenleben entwickelt:
Plötzlich fließen Themen ein, die ich in dieser Gewichtung gar nicht
habe reinnehmen wollen, bekommen Protagonisten sympathischere oder
unsympathischere Züge, wachsen mir manche richtig ans Herz oder stoßen
mich andere a Es
gibt ein Grundthema, das immer wieder in meinen Romanen auftaucht und das
mir persönlich sehr nahe ist, weil ich es selbst erst mühsam lernen
musste: die Selbsterkenntnis und –akzeptanz. Ich glaube, Menschen sollen
keinen falschen Vorstellungen von sich und anderen nachjagen, sondern
vielmehr lernen, sich selbst anzunehmen
– mit all ihren Ecken und Kanten, mit all ihrer Zerrissenheit,
mit all ihren Schwächen. Sie sollen ihr Scheitern in dem ein oder anderen
Lebensbereich eingestehen, für diese „Schuld“ durchaus Verantwortung
übernehmen, aber sich davon nicht erdrücken und lähmen lassen. Was
Parallelen zwischen Romanfiguren und realen Personen anbelangt, so gibt es
diese nie eins zu eins. Ich muss jedoch gestehen, dass ich ein gewisses
boshaftes Vergnügen habe, mich an Menschen, mit denen ich im realen Leben
Schwierigkeiten haben, zu „rächen“, indem manche Eigenschaft oder den
Namen bei einer unsympathischen Nebenfigur einfließen lasse.
Ich
lese sehr viele Unterhaltungsromane, grundsätzlich aus allen Genres. Natürlich
versuche ich, viele historische Romane zu lesen. Dahinter steckt nicht nur
der Wunsch nach unterhaltsamer Lektüre, sondern ich empfinde das als Teil
meines „Jobs“ – nämlich zu wissen, was sich auf dem Buchmarkt tut,
was gerade beim Publikum ankommt. Ich
glaube zwar, dass man sich hüten muss, jedem Trend nachzusprinten und ständig
auf die Bestsellerlisten zu schielen, aber ich sehe es als Verantwortung
gegenüber meinen Lesern an, deren Interessen und Vorlieben zu berücksichtigen.
Ich schreibe eben nicht nur für mich, sondern ich will möglichst viele
Menschen erreichen, unterhalten, berühren. Eher
unvoreingenommen, weil ohne „professionelles Interesse“ lese ich
Thrillers, Krimis und sämtliche Arten von Gruselgeschichten. Gerade weil
das oft wenig mit meinem eigenen Genre zu tun hat, kann ich dabei am
besten abschalten. Und
dann lese ich immer mal wieder Werke, die als „E–Literatur“
klassifiziert werden (wobei ich eine strikte Trennung zwischen E– und
U–Literatur ablehne) und Klassiker der Weltliteratur. Eines der
wichtigsten Bücher meines Lebens war und ist „Doktor Faustus“ von
Thomas Mann. Dessen Protagonist Adrian Leverkühn fasziniert mich bis
heute.
Das hat zum einen ganz pragmatische Gründe: Ich lebe (mittlerweile großteils) vom Schreiben, und um eine gewisse finanzielle Sicherheit zu erlangen, ist es mir zu riskant, auf nur ein Standbein zu setzen. Zum anderen probiere ich gerne Neues aus. Nachdem ich kurz hintereinander mehrere Historische Romane geschrieben habe, hatte ich das Gefühl, in einen gewissen Trott zu geraten, der der Kreativität nicht unbedingt förderlich war. Meine Abstecher in andere Genres erweiterten meinen (Schreib-)Horizont ungemein und fordern zudem eine hohe Flexibilität, die mich nicht einrosten lässt. Ein wenig ist das so wie beim Reisen: Man hat Lieblingsorte, an die man immer wieder gern fährt und die man entsprechend gut kennt - aber manchmal ist es wichtig, aus Gewohnheiten auszubrechen und ein ganz neues Land zu entdecken. Mit Beliebigkeit oder steter Neu-Erfindung hat das nichts zu tun - eher mit dem Anspruch, möglichst weitgefächert und thematisch vielseitig zu arbeiten.
Vor allem diesen einen: sich ernsthaft überlegen, ob es tatsächlich die größte aller Leidenschaften ist zu schreiben. Manche denken, man könnte einfach mal so nebenbei ein Buch verfassen und damit auch noch das große Geld verdienen , aber so klappt das meistens nicht mit der Autorenkarriere. Eine solche verlangt sehr viel Zeit und Einsatz, und das über viele Jahre, in denen der Erfolg meist auf sich warten lässt. Was man auf jeden Fall zu bedenken hat: Um ein erfolgreicher Autor zu sein, braucht es nicht nur ein hohes Maß an Kreativität und Fantasie, erzählerisches Talent und Sprachgefühl - sondern auch noch ganz andere wichtige Eigenschaften: Zum einen muss man ein Mensch sein, der gut mit sich alleine sein kann. Denn Schreiben ist eine einsame Arbeit, und oft dauert es Monate, bis man Feedback bekommt. Man muss sich selber gut organisieren können, quasi sein eigener Chef sein. Für leidenschaftliche Teamplayer sehe ich da große Schwierigkeiten. Und zum anderen: Man muss wahnsinnig viel Geduld aufbringen. Wer Tag für Tag ein Erfolgserlebnis haben möchte, dem wird es zu lange dauern, monate- vielleicht sogar jahrelang an einem Buch zu arbeiten. Und selbst wenn es dann fertig geschrieben ist, ist das Warten noch lange nicht zu ende: Man wartet auf einen Vertrag mit dem Agenten, mit dem Verlag, und selbst wenn dieser abgeschlossen ist, dauert es meistens noch mindestens ein Jahr, bis das Buch auch in den Läden liegt. Und dann heißt es wieder warten: nämlich wie es bei den Lesern ankommt. Außerdem ist es selten so, dass man bereits mit dem ersten Romanversuch den großen Erfolg einfährt. Viele Werke verschwinden vorerst mal in der Schublade, bis man genügend Routine hat, um wirklich ein markttaugliches Manuskript abzugeben. Das Schreiben und Veröffentlichen von Büchern fordert einem also enorm viel Ausdauer ab. Allerdings: Wenn man die richtige Einstellung und Erwartung mitbringt, gibt es in meinen Augen kaum etwas Schöneres und Erfüllenderes als Schriftsteller zu sein.
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