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iii Obwohl
ich es von ihr verlangt habe, scheint es merkwürdig und unvermutet.
Zuerst nestelt sie an ihrer Bluse, als wolle sie nur ein Taschentuch
hervorzuziehen. Dann aber beginnt sie, Knopf um Knopf zu lösen und sich
langsam zu entkleiden. Wortlos zieht sie die Bluse von den Schultern. Jene
sind nicht faltig, wie man vermuten mag, ist sie doch zwanzig Jahre älter
als ich, sondern marmorglatt und nur von verbleichten Sommersprossen
bekleckert. Ich
starre sie mit trockenem Mund an. Schon zieht sie an den Schnüren des
Mieders, und ich sehe und fühle ihre Bewegungen, die so langsam und steif
sind, als wären sie in Ton eingehauen. Ich kann mich kaum halten, auf sie
zuzugehen, Sprünge darein zu hauen und ein Weib zu berühren, von dem ich
die letzten Tage nichts anderes dachte, als dass es alt, steinern und ohne
Verstand sei. Sie
quält mit ihrer Langsamkeit, macht mich den Wunsch vergessen, ihr Tun zu
begreifen, stutzt mich zurecht auf das bloße Begehren, ihre nackten Brüste
zu sehen. Inständig
hoffe ich, sie möge mir diesen Anblick nicht vorenthalten, ihr Mieder
nicht lästig zögernd aufbinden und dann womöglich verharren, ohne es
abzustreifen. Endlich,
endlich – ich schluckte verwirrt – löst sich das Mieder an seinen Rändern,
beginnt sich von einer Haut zu schälen, die jung und alt zugleich ist,
beinahe unberührt und doch durch ein Leben getragen, in dem viel mehr
geschehen ist als in meinem. Jetzt, da der Stoff ihrer Kleidung sie nur
mehr lose bedeckt, glänzt ihre Haut nicht mehr tönern, sondern wächsern.
Sie wird weich. Wenn ich sie angreife, denke ich, wird die Haut nachgeben,
ich werde darin versinken, ich werde vorgreifen können bis zu ihrer Seele
– und vielleicht werde ich daran sterben. Wer
liebte diese Frau und hat es überlebt? Ihr
Anblick saugt mich auf. Dort wo ich eben noch stand scheint ein dunkles
Loch verblieben. Ich selbst bin verschwunden unter ihrer sachte
schimmernden Haut, einverleibt und verspeist auf ewig. Jetzt
stockt sie. So abrupt fällt diese Bewegung aus, dass sie mich zurück auf
meinem Platz befiehlt, zurück in die Rolle des Starrenden. Ehe sie sich
mir gänzlich nackt zeigt, reicht sie mir ein zusammengefaltetes Bild, das
sie zwanzig Jahre lange wie eine zweite Haut zwischen Brust und Mieder
trug, das sie vor den Augen der Welt schützte, um sich gleichsam dahinter
zu verbergen, und das sie nun, da sie es mir gibt, einer Nacktheit
ausliefert, die tiefer geht als das bloße Ablegen von Kleidern. Das Bild
stammt von der Hand eines Malers, vielleicht des größten und des verstörendsten,
der auf dieser Welt hauste. Seinetwegen
bin ich hierher gekommen. Seinetwegen habe ich mich herabgelassen, mit
diesem Weib zu reden. Ihn und sein Werk wollte ich entdecken und nicht
etwa diese alte Frau, die meine Mutter sein könnte und die mich dazu verführt
hat, sie kurz und absolut zu begehren. „Nun
nehmt!“ sagt sie und wird wieder das, als was sie mir die letzten Tage
erschien. Zitternd
neige ich mich vor. „Das
letzte Bild des Samuel Alt?“, frage ich. „Er
malte es in der Nacht vor seinem Tod“, entgegnet sie. Auf ihren
Schultern richten sich die Härchen auf. Sie zittert und friert – und
bleibt doch entblößt sitzen, bis ich das Bild betrachten kann. Tagelang
habe ich diese letzte Zeugin eines großen Lebens beredet, es mir zu
zeigen. Nun, da ich es in den Händen halte, erstaunt mich, dass für
Augenblicke ihr alter, nackter Körper wichtiger schien. Es
ist nicht nur das letzte Bild des Samuel Alt. Es ist ein Bild, das Zeugnis
gibt von einem schrecklichen Verbrechen.
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