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iiii Damenstift
zu Corbeil Wo
man die Tote berührte, löste sich die äußerste Schale ihres
vertrockneten Körpers. Es war nicht gewiss, ob es verweste Haut war oder
steif gewordener Stoff von Kleidern, der zu grauem Staub zerbröselte und
lautlos auf den ausgeblichenen Boden fiel. Entsetzt
zuckten die neugierigen, tastenden Hände zurück und beließen die Tote
so unberührt hocken, wie man sie vorgefunden hatte – in einem
stickigen, fast luftleeren Raum zwischen Altar und Sakristei, der den
Leichnam ausgetrocknet und mit Spinnweben überzogen hatte, anstatt ihn
der Verwesung preiszugeben. Ohne
zerstörendes Zupacken waren die Spuren des Todes fast unkenntlich.
Obgleich seit vielen Jahren vom Ewigen Schlaf gefangen gehalten, glich die
hockende Frau einer seelenruhigen Madonna, der das Christuskind aus den
weit ausgebreiteten Armen gerutscht war. Keiner ihrer Finger war
abgefallen, sondern lediglich ihre Hände waren braun verschrumpelt, wie
Äpfel, die man in den frostigen Tiefen eines Kellergewölbes vergessen
hatte. Ein
ungestümer Luftzug jedoch hätte genügt, auf dass der von Innen her
getrocknete Leichnam jene Gewissheit bekräftigt hätte, wonach der Mensch
von Staub kommt und zu Staub wird und einzig der Glaube an den Leben
spendenden Herrn dem grausamen Walten des Todes spottet. Unsicher
blickten sich die Schwestern an und ließen die bebenden Hände in
fuchtelnden Bewegungen, die Öllampen kreisen – gewiss, dass die Tote
ebenso lange kein Licht gesehen hatte wie den Atem eines lebendigen
Windhauchs gerochen. Beides musste viele Jahre her sein, denn die Frau,
deren Haut hier zu braunem, brüchigem Leder gegerbt war, galt seit langer
Zeit als verschollen. Gleichwohl
sie nie daran hatte zweifeln lassen, den Abend eines langen Lebens in
diesem Damenstift zubringen zu wollen, war sie eines Tages weder zur
morgendlichen Messe gekommen noch zum stärkenden Mahl. Man wähnte sie
schlafend und gönnte es ihr, sich auszuruhen. Doch als sie am Abend immer
noch nicht erschienen war, setzte eine unruhige Suche ein, zuerst im
Damenstift, dann in den umliegenden Wäldern. Wieder und wieder hatte man
ihren Namen gerufen und sich gefragt, wie eine solch hoch betagte Frau
freiwillig ihre sichere Heimstätte hatte verlassen können. Unmöglich
aber war es auch, dass sie sich ohne Willen verirrt hätte – ihr Geist
war rege wie der einer jungen Frau und jede ihrer Handlungen gewollt und
überlegt. Selbst lange nachdem man die nutzlose Suche eingestellt hatte,
war das Getuschel über ihr Verschwinden nicht verstummt, sondern hatte
sich in die schaurige Mär verzweigt, wonach niemand anderer als der
dunkle Engel des Teufels die alte Frau aus dem Damenstift entführt haben
müsste. Nun
war jene Vermutung nichtig. „Sie
kann keine andere sein als …“, setzte eine der Schwestern zu sprechen
an, rang in der Enge des Raumes nach Luft, aber fuhr nicht fort. Sie
hatten die tote Hockende aus Zufall gefunden, waren auf den abgedichteten
Raum nur gestoßen, weil die Apsis über dem Altar einen Sprung aufwies
und man nach Wegen suchte, diesen durch eine ausreichende Stützung von
unten her zu schließen oder zumindest am Wachsen zu hindern. Die
anderen Schwestern nickten wissend. Wiewohl er nicht ausgesprochen worden
war, wähnten sich alle gewiss, welchen Namen die Sprechende auf den
Lippen trug. Ohne Zweifel war die Tote Ragnhild von Eistersheim, besser
bekannt unter dem Namen Sophia, die Weise, den man ihr in früher Kindheit
ob ihrer außergewöhnlichen Gelehrsamkeit gegeben hatte und den sie am
liebsten getragen hatte. Sie war die Älteste unter den Schwestern, die im
Damenstift lebten, und die Wortkargste. Nicht mehr verriet sie von sich,
als dass sie an einer Chronik schrieb – von deren genauem Inhalt wusste
niemand – und selbst das geschah stets schroff und bar jeglicher
Freundlichkeit. Ja,
wer sie war, galt als Gewissheit. Um
vieles unbestimmter aber gerieten die Vermutungen, warum man sie eben
gefunden hatte: Wie war sie hierher geraten? Hatte man sie womöglich mit
gemeinem Vorwand hergelockt und in solch verstecktem Raum zu Tode
gebracht? |