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Ruhe vor dem Sturm Nach einigen intensiven "Schreibtagen" gibt es ab morgen fürs erste eine Unterbrechung der Arbeitsroutine. Zum einen stehen diverse brotberufliche Termine bevor (sowohl in Frankfurt als auch in Köln). Zum anderen findet am Wochenende das große Treffen des Autorenforums Montségur statt, in dessen Rahmen ich an einer Lesung teilnehmen sowie einen Vortrag halten werde. Diese "Zwangspausen" sind für mich sehr wichtig. Wären sie nicht von außen vorgegeben, würde ich sie mir nämlich viel zu selten verordnen und somit Gefahr laufen, in eine absolute Monotonie der Tage zu geraten. Es gibt bekanntlich zwei Arten von Autoren: die eher chaotische Fraktion, die mal ganz viel, mal ganz wenig, in jedem Fall aber ziemlich unregelmäßig schreibt. Und die Verfechter von preußischer Disziplin, zu denen z.B. Thomas Mann gehört hat und deren Tagesablauf strikt in Schreib-, Ruhe-, Lese- und Recherchezeiten unterteilt ist. Ich gebe der - zugegeben deutlich spießiger klingenden - zweiten Variante den Vorzug, was den Vorteil hat, das Tagespensum viel routinierter und vorhersehbarer abarbeiten zu können, aber auch den Nachteil birgt, sich in fixe Tagesabläufe regelrecht zu verrennen und sich solcherart ein ganz privates Gefängnis zu schaffen. Bei einem weitgehend "menschenleeren" Job, ist es unerlässlich, da regelmäßig auf Freigang zu pochen. Inspirationen und jede Menge Begegnungen wird es in den nächsten Tagen sicher genug geben...
Der Herbst... ...kam in diesem Jahr früher, unvermittelter und kälter als erwartet. Gut, dass im neuen Roman auch nicht immer die Sonne scheint - so erfüllen feucht-kalte Temperaturen und Nieselregen immerhin den Zweck, manche Szene besser nachfühlen zu können. Allerdings wird die fröstelnde Autorin von der Frage abgelenkt, ob man nicht doch vorzeitig die Heizung anschmeißen soll. Besser hat es da einer meiner Testleser, der sich eben in die "Gefährtin des Medicus" vertieft und folglich in provençalischen und mallorquinischen Sommereindrücken schwelgen kann. Das intensive Gespräch über das Manuskript hat mir bereits die ein oder andere Stelle aufgezeigt, wo noch "Nachjustieren" angesagt hat - gröbere chirurgische Maßnahmen sind allerdings nicht mehr nötig (auch wenn das zum Thema passen würde ;-). Demnächst wird also wieder mal simultan gearbeitet - Nacharbeit zum einen, Vorarbeit zum anderen Romanprojekt.
Der Plot Ich gehöre bekanntlich zu den bekennenden "Nicht-drauflos-Schreibern". Anders als Autoren, die vor einer weißen Seite sitzen und schließlich den ersten Satz einer Geschichte aufschreiben, die sich dann erst nach und nach entwickelt, baue ich zunächst ein ziemlich stabiles "Romangerüst" - den Plot. Darin wird Szene für Szene festgelegt, diese mit Rechercheinhalten und Dialogfetzen ergänzt, und erst nach Abschluss der "Vorarbeiten" beginnt der eigentliche Schreibprozess. Umso unverzichtbarer ist mir dieser Plot gerade jetzt, da ich an einem Stoff arbeite, bei dem ich die Lebensgeschichten von sehr vielen Protagonisten über einen ziemlich langen Zeitraum zusammenbringen muss. Oft wird behauptet, dass akribische Plotter eher die Verstandesmenschen unter den Autoren sind; jene, die die Geschichte ohne Planung quasi aus dem Bauch herausschreiben, hingegen die Gefühlsbetonten. Ich halte so eine Unterscheidung für falsch. Beim Schreiben eines Romans ist beides gefragt: Verstand und Gefühl. Die Frage ist nur, in welcher Reihenfolge man beides einsetzt. Über Wendungen und Charaktere nachdenken muss jeder Autor - nur macht es der eine vor dem Schreiben, der andere mittendrin. Sich wiederum völlig von seiner Geschichte mitreißen zu lassen, emotional darin aufgehen - das ist für mich etwas, was nicht nur beim Schreiben, sondern auch beim Konzipieren, Recherchieren, Überarbeiten passiert, folglich auch beim Plotten.
Berufsschreiber Was verändert sich, wenn das Schreiben nicht länger nur Berufung ist, sondern Beruf wird? Wenn man es nicht als Hobby betreibt, das oft mit Verpflichtungen des Brotberufs kollidiert, sondern als hauptamtliche Tätigkeit? Diese Frage wird gerade im Autorenforum Montségur diskutiert, wo viele Kollegen eine meiner Erfahrungen teilen: In Lebensphasen, da die Schriftstellerei sich nur in kargen "Restzeiten" entfalten konnte, träumte ich davon, irgendwann mal genug (und ausschließlich) Zeit dafür zu haben. Dann, so der Wunsch, könnte ich mich mit ganzem Elan auf meine Romane stürzen; alles würde leichter, besser, erfüllender sein. Kaum "Berufsschreiberin" geworden, stellte sich freilich schnell heraus, dass man damit nicht automatisch eine neue Autorenpersönlichkeit gewinnt, Schwächen sich nicht in Stärken wandeln, Schaffenskrisen, Ängste, handwerkliche Defizite nicht plötzlich verschwinden. Anders gesagt: Wer schon früher Schwierigkeiten mit der Disziplin gehabt hat, wird auch dann darum zu ringen haben, wenn die Arbeit theoretisch schon am frühen Morgen und nicht erst nach Dienstschluss beginnen kann. Wer als Hobbyschreiber eine Geschichte nur grob skizziert hat, ehe es ans Schreiben ging, wird sich als Profiautor nicht zum König der Plotter wandeln. Wer sich früher beim Recherchieren manch Schlampigkeit erlaubt und diese dann auf den Zeitmangel zurückgeführt hat, wird auch dann noch dazu neigen, wenn es diesen Zeitmangel nicht mehr gibt. Natürlich bin ich viel produktiver geworden, als ich vor nunmehr drei Jahren eine meiner wichtigsten Lebensentscheidungen traf: meine Festanstellung zu kündigen und nur mehr freiberuflich als Journalistin zu arbeiten, wodurch viele Freiräume entstanden sind , die ich ausschließlich meinen Romanen widmen kann. Doch meine Arbeitsweise hat sich quasi nur "komprimiert" - sie ist keine andere geworden. Mein Leben hat sich durchaus verändert - ein neuer Mensch bin ich aber nicht geworden. Das Schreiben als Brotberuf zu betreiben, erlaubt ohne Zweifel viel organisatorische Freiheiten - das Ringen um seine Geschichte, seine Figuren, die historischen Zusammenhänge etc. gestaltet sich aber nicht mehr oder weniger mühsam als zuvor.
Schreiben bildet Wieder zurück aus Wildruff (einige Fotos von dem Event im wunderbar atmosphärischen Gewölbekeller folgen in den nächsten Tagen), stürze ich mich wieder ganz auf die Saga. Die Recherche ist nach vielen Tagen, die ich in den letzten Wochen in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt verbracht habe, so gut wie abgeschlossen. Wie jedes Mal, wenn ich mich in ein neues Thema vertiefe, stoße ich auf jede Menge interessanter (und für mich völlig neuer) Erkenntnisse. Sich auf diese Weise ständig fortzubilden, ist sicherlich einer der reizvollsten Nebeneffekte meines Berufs. Mein Mittelalter-Wissen ist in den letzten Jahren um vieles sprunghafter angestiegen als während meines gesamten Geschichtsstudiums. Für die Saga lerne ich zwar nichts Neues über das Mittelalter, dafür aber über Themen, die ich mir sonst wahrscheinlich nie zu Gemüte geführt hätte: z.B. wie kompliziert es ist, Flachs anzubauen und daraus Wolle zu gewinnen. „Der Flachs geht neunmal durch des Menschen Hand, bis er ihn als Leinwand auf dem Leibe trägt“, besagt alte Bauernweisheit. Als verweichlichter Stadtmensch, der H&M, Zara und Co. quasi vor der Haustür hat, kann ich da nur ehrfürchtig staunen.
Wilsdruff Ab in den Osten heißt heute die Devise. In Wildsdruff nahe Dresden werde ich heute Abend aus der "Tochter des Ketzers" vorlesen. Ich freue mich auf den Termin, der eine angenehme Unterbrechung ziemlich arbeitsreicher Tage darstellt, und vielleicht ergibt sich auch die Möglichkeit, einen kleinen Abstecher nach Dresden zu unternehmen. Ist schon wieder ein paar Jährchen her, dass ich (damals anlässlich von Dreharbeiten) in der Stadt war... Wer in der Nähe wohnt und heute Abend Zeit und Lust hat: Um 19.00 geht's los, und zwar im sächsisch-preußischen Gewölbekeller in der Dresdener Straße.
Die Fahnen... ...vom "Geständnis der Amme" sind da, und wie jedes Mal ist es ein erhebendes Gefühl, den Text in seinem endgültigen Erscheinungsbild vor sich zu haben. Auch wenn sich dadurch am Inhalt nichts ändert, so ist das Leseerlebnis doch irgendwie anders. Der Weg von der Idee zum Manuskript ist für den Autor zwar ein spannenderer, als der vom Manuskript zum Buch, aber diesen Prozess als ganzen zu erleben, vermittelt jene "Komplettheit", dank derer man mit einem Projekt endgültig abschließen kann. Übrigens
steht auch die endgültige Seitenanzahl fest. Mit 640 Seiten wird
"Das Geständnis der Amme" mein bislang dickstes Romankind
sein. Der Künstler im Alltag Der Spezies der Künstler werden nicht selten charakterliche Eigenarten zugesprochen, die bei anderen Bevölkerungsgruppen nicht in gleicher Dichte zu finden scheinen. Äußerst beliebtes Attribut der kreativ Schaffenden: ein gewisses Maß an Lebensunfähigkeit bzw. das Fehlen praktischer Intelligenz. Der meisterhafte Pianist - so die Fama und zugleich das gutmütige Zugeständnis - muss halt kein Händchen fürs Geld haben; der Maler darf nach im Schaffensrausch durchwachten Nächten daran scheitern, ein IKEA-Regal zusammenzubauen; der Schriftsteller, der sich grade eine Schlachtenszene ausmalt, stolpert schon mal über das Ende der Rolltreppe, weil er selbiges nicht hat kommen sehen. Kurz und gut: Mag auch das Ausmaß an Schrulligkeit und Skurrilität mal mehr, mal weniger drastisch ausfallen - dass ein künstlerisch (Hoch-)Begabter zwei linke Hände hat, scheint Allgemeingut zu sein und wird mit Nachsichtigkeit oder schlimmstenfalls einem spöttischen Lächeln quittiert. Mal vorausgesetzt, dass sich das mieses Abschneiden meiner Zunft im Praxistest tatsächlich statistisch belegen lässt, fehlt mir persönlich diese Nachsichtigkeit völlig. Grundsätzlich erwarte ich von jedem vernunftbegabten Erwachsenen, dass er - im Zweifelfall auch ohne betüdelnden Ehegespons oder fürsorglicher Sekretärin - die Tücken des Alltags meistert, also sein eigenes Konto verwalten, den U-Bahn-Plan einer fremden Stadt lesen und sein optisches Erscheinungsbild möglichst schuppen- und faltenfrei halten kann. Von einem Künstler erwarte ich es aber sogar noch mehr. Denn Kreativität befähigt m.E. nicht nur zur Absonderung hochwertiger Kulturgüter, sondern auch zur unkonventionellen Problem- und Konfliktbewältigung im Alltag. Kreativität sollte nie Erlaubnis für engstirnige Spezialisierung sein, sondern zur steten Wachheit für die Umgebung anspornen. Kreativität darf nicht blind und vergesslich machen, sondern soll Motor eines möglichst vielseitigen Geistes sein, der sich in elitäreren Sphären des Lebens ebenso zurechtzufinden weiß wie in ganz banalen. Gerade wer
dafür gelobt (und bezahlt) wird, Orchester zu dirigieren, Buchhandlungen
zu bestücken und leere Leinwände mit Meisterwerken zu füllen, sollte -
dank entsprechend geschulter Gehirnsynapsen - aus einem fast leere
Kühlschrank ein leckeres Mahl zaubern und mit der geplatzten
Mülltüte zurande kommen können.
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