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Pause Im Moment sind alle Manuskripte und sonstige Texte abgeschlossen. Und bevor ich mich mit Hochdruck aufs Feilen des Provence-Romans stürze (sowie von Kinderbuch Nr. 3, was dann als nächstes ansteht) lege ich erst einmal eine (Zwangs-)pause ein. Nächste Woche steht nämlich ein Umzug ins Haus, und da gibt es genug zu tun und zu organisieren. Ein ganz besonderer Luxus, den ich darum genieße: Am Morgen nicht sofort zum Laptop zu greifen, sondern zu einem guten Buch. Die Tage, an denen ich mir das gestatte, kann ich an zwei Händen abzähle. Ansonsten gilt es noch von einem ganz besonderen Highlight dieser Woche zu berichten: Nach vielen Jahren habe ich wieder einmal universitäre Luft geschnuppert. Eine Bürokollegin hat mich in eines ihrer Seminare zum Thema "Mittelalter-Rezeption in der Gegenwart" eingeladen, in dem ich als Autorin von Mittelalter-Romanen quasi aus dem Nähkästchen plaudern sollte. Es wurde eine sehr spannende Fragestunde daraus, in der es nicht nur um meine Arbeitspraxis ging, sondern auch um generelle Fragen, die das Genre betreffen, .B. wie groß die Verantwortung des Autors für eine gründliche Recherche ist oder warum diese Epoche so viele Menschen interessiert.
Sprachspiele Im Moment arbeite ich an einem Text, der sich stilistisch deutlich von meinen Historischen Romanen unterscheidet. Dabei kommt - ähnlich wie schon während meiner Arbeit an meinen Kinderbüchern die Frage auf - ob derartiges " schriftstellerisches Multitasking" nicht schädliche Wirkung haben könnte, mein Stil also womöglich verdirbt? Ich glaube das nicht, vielmehr das Gegenteil. Schließlich bewegen wir und auch in der alltäglichen Kommunikation in unterschiedlichen "Sprachspielen", ohne dass wir auf diese Weise Sprache verlernen. Wenn ich z.B. in Österreich in den dortigen Dialekt verfalle, hat das wenig Auswirkungen auf mein Hochdeutsch, sobald ich wieder nach Frankfurt zurückgekehrt bin. Während eines Vortrags auf der Uni benutze ich ein bestimmtes Vokabular - und kann mich trotzdem am nächsten Tag noch mit dem Fliesenleger unterhalten. Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass Sprache sehr instinktiv funktioniert. Sprachforscher behaupten, dass man sich ganz von selbst seinem Kommunikationspartner anpasst. Und deswegen legt sich auch beim Schreiben je nach Genre der passende Schalter im Hirn um.
Der Alltagstrott... ...stellt sich langsam wieder ein. Diese Woche stand ganz im Zeichen diverser beruflichen Verpflichtungen. Darüber hinaus "poliere" ich den Provence-Roman und mache ein paar Vorarbeiten zu einem noch nicht spruchreifen Roman-Projekt. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle noch einmal die Lesung am Montag. Da galt wohl das Asterix-Motto: Ganz Deutschland befand sich im EM-Fieber. Ganz Deutschland? Nein. Denn ein kleines Dorf im Süden Frankfurts leistete Widerstand... Etwa zwanzig Besucherinnen (hier ist bewusst die weibliche Form gewählt, da kein einziger Mann zugegen war) lauschten meinem Vortrag aus der "Tochter des Ketzers" - ein kleines, aber feines Publikum, das anschließend viele interessierte Fragen stellte.
Rückkehr Als ich vor zwei Tagen wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin, erwartete mich hier eine schöne Überraschung in Form eine Buchpakets. Darin befanden sich die Belegexemplare der 2. Auflage von der Taschenbuchausgabe der "Chronistin". Da diese erst seit wenigen Wochen auf dem Markt ist, freut mich das außerordentlich. Nicht aus der Chronistin, jedoch aus der "Tochter des Ketzers" werde ich morgen Abend lesen. Wer also noch eine Alternative zur Fußball-EM sucht, ist herzlich nach Dreieich eingeladen. Mehr Infos unter Termine.
Cap de Ses Salines Eine Schlüsselszene meines Romans spielt an der Südspitze Mallorcas. Grund genug, diese mal genauer zu erkunden,oder besser gesagt: hart zu erarbeiten. Etwas mehr als zwei Stunden dauerte der Fußmarsch vom Cap de Ses Salines bis zur Colonia Sant Jordí - und ebenso lange ging es unter brütender Sonne wieder zurück. Was den Einsatz von Schweiß, Blut und Tränen anbelangt, werde ich mit meiner Protagonistin zwar nicht mithalten können, aber die Kombination aus Hitze und Anstrengung hat mir die Szenerie um einiges näher gebracht. Schreiben ohne Recherchereisen - das ist, als ob ein Schneider ein Kleid für einen Menschen nähen würde, den er noch nie gesehen hat und von dem er lediglich die groben Maße kennt.
Kloster Felanitx und die Calas Figuera/Santanyí Der Wettergott war mit heute sehr gnädig. Auf dem Weg zum Puig San Salvador, auf dem das gleichnamige Kloster thront, hat es in Strömen geregnet. Kaum oben angelangt öffnete sich die graue Wolkendecke - genau fünfzehn Minuten lang. Dann hüllte dichter Nebel den Berggipfel ein. Wieder sonnig war es am Meer - sowohl an der Cala Figuera als auch der Cala Santanyí. Phänomenal war nicht nur der dortige Ausblick, sondern auch mein Sturz während einer längeren Küstenwanderung. Ich habe zwar schon bislang einige Blessuren von diversen Wanderungen abbekommen, doch derart längs hinzufallen gleicht meinen Körper - gemessen an blauen Flecken und Kratzern - nun endgültig dem meiner Protagonistin an, und zwar nach dem Sarazenenüberfall. Ich spiele mit dem Gedanken, sie auch entsprechend über eine Wurzel stolpern zu lassen - damit sich diese Erfahrung wenigstens gelohnt hat. ;-)
Muro und Capdepera
Weiter ging es anschließend nach Capdepera, wo eine gut erhaltene Festung zu begehen war. Deren Grundstein legte der hier schon des öfteren erwähnte Jaume I.
Alcúdia Meinen heutigen Geburtstag verbrachte ich im Städtchen Alcúdia mit original mittelalterlicher Stadtmauer. Die Bewohner dieses Ortes erlebten des öfteren gleiches Schicksal wie die Protagonistin in meinem Roman: einen Angriff der Sarazenen. Einst selbst Herren der Insel, plünderten sie nach ihrer Vertreibung durch Jaume I. nicht selten die Küsten - von Granada, Nordafrika oder der kleinen Insel Cabrera aus. Auch die wehrhafte Stadtmauer konnte die Menschen von Alcúdia nicht immer davon feien. Wie lebt man mit dem Gefühl ständiger Bedrohung?, fragte ich mich heute. Es scheint mir ein unglaublicher Luxus des 21. Jahrhunderts zu sein, dass der Blick aufs Meer vor allem der Suche nach geeigneten Fotomotiven dient und von keinerlei Furcht vor möglichen Gefahrenquellen bestimmt ist.
Formentor Heute war ich auf der Suche nach einer einsamen Bucht, in der ein heißblütiges Liebespaar ungestört seine amourösen Neigungen ausleben kann: Gemeint sind meine Heldin Alais und ihre mallorquinische Kurzzeitaffäre. Auf der Halbinsel Formentor kann man da leicht fündig werden - zumal die meisten Strände hier nicht mit dem Auto, sondern nur zu Fuß zu erreichen sind, so z.B. auch die Cala Figuera. Diese könnte durchaus ein passendes Plätzchen für meine beiden Turteltauben gewesen sein - allerdings ist jenes in meinem Roman inklusive Sandstrand beschrieben, also Fehlanzeige. Nun, vielleicht verlangt es auch die Diskretion, den Ort ihrer Leidenschaften nicht so genau zu benennen ;-)
Miramar Einer der Protagonisten meines Provence-Romans - eine Art Universalgelehrter namens Pio Navale - ist ein großer Fan von Ramon Llull. Deswegen darf auf meiner Reise auch ein Abstecher in das Kloster Miramar nicht fehlen, das dieser "Nationalheilige Mallorcas" einst gegründet hat. Wovon mein Pio Navale besonders begeistert ist: Dass Ramon Llull eine gemeinsame Sprache als Voraussetzung jeglicher Missionierungsversuche betrachtete. Die in Miramar ansässigen Franziskaner lernten darum eifrig arabisch. Darüber hinaus arbeitete Ramon Lull an einer Universalsprache - einer Mischung aus Hebräisch, Latein und Arabisch. Ohne Zweifel war er für die damalige Zeit, als man die Heiden lieber mit Feuer und Schwert bekehrte, ein erstaunlich fortschrittlicher Geist - und wurde auch prompt als Häretiker verurteilt. Doch ähnlich wie im Falle Jeanne d'Arc revidierte die katholische Kirche später ihr Urteil: Ramon Lull wurde nicht nur vom Verdacht der Ketzerei frei-, sondern darüber hinaus heilig gesprochen. Nicht nur der Geist dieses großen Theologen und Philosophen inspirierte mich heute. Als ich in meinem Reiseführer Details über Miramar nachlas, ist mich die Geschichte einer berühmten Mallorquinerin förmlich angesprungen. Seit mehreren Stunden lässt sie mich nicht mehr los, sondern liegt mir ständig mit dem Satz im Ohr: ICH wäre doch eine gute Romanfigur!!! Die Dame muss vorerst Geduld haben - und Sie, fürchte ich, auch. Denn da ich noch nicht weiß, was sich aus dieser Eingebung dereinst entwickeln wird, verschweige ich ihren Namen vorerst.
Valldemossa Der heutige Ausflug diente mal nicht der Roman- oder generellen Mittelalterrecherche, sondern nur dem privaten touristischen Interesse. In Valledemossa dachte ich darum mal nicht an Geschichte und Geschichten - sondern an meinen Klavierunterricht. Hier nämlich komponierte Frédéric Chopin seine Regentropfen-Prélude - und diese habe ich mindestens ebenso oft geübt/gespielt wie viele seiner Études. Anders als ich hat er (gemeinsam mit George Sand) diesen wunderschönen Ort offenbar nur bei Dauerregen kennen gelernt.
Castell d'Alaró und Koster Lluc Heute ging es erstmals tief ins Landesinnere. Etwa eine Stunde dauert der - steil nach oben führende - Fußmarsch zur Festung Alaró. Eine gute Gelegenheit, sich das von rauen Winden der Tramuntana und von Einsamkeit geprägte Leben der einstigen Burgherren vorzustellen. Zu diesen gehörten auch Guillem Cabrit und Guillem Bassa, die die Treue zu ihrem König Jaume II. mit einem sehr grausamen Tod bezahlen mussten: Alfons II. von Aragón, der Ende des 13. Jahrhunderts die Festung nach erbittertem Kampf einnahm, ließ sie nämlich bei lebendigem Leib rösten. Einsam war wohl auch das Leben der Augustinermönche im Berkloster Lluc - vor der Säkularisierung eines der religiösen Zentren Mallorcas. Heute pilgern vor allem Touristen zu der "Morenata" - einer Madonnenfigur mit brauner Haut.
Castell Belver und La Seu Manchmal muss man nach Besuchen von Originalschauplätzen Szenen eines Romans neu konzipieren - dann nämlich, wenn Vorstellung und Realität deutliche auseinander klaffen. So geschehen in den Avignon-Kapiteln, wo ich die Entfernung zwischen der Villeneuve und dem Papstpalast völlig falsch eingeschätzt hatte. Ganz anders verhält es sich hingegen mit der Wegstrecke zwischen dem Hafen vom Palma und dem Castell Belver, das über der Hauptstadt - im Mittelalter noch Ciutat genannt - thront. Hier muss ich entsprechende Kapitel so gut wie gar nicht modifizieren - im Gegenteil: Als ich das Gebäude sah, hatte ich das Gefühl, hier schon jede Menge Zeit verbracht zu haben. Etwas schwieriger war es in der Kathedrale La Seu dem Geist meiner Protagonisten habhaft zu werden - denn zu der Zeit, da mein Roman spielt, war sie von ihrem heutigen Aussehen noch ziemlich weit entfernt.
Sant Elm und Cala Embasset Etwas anderthalb Stunden würde der Fußmarsch von Sant Elm zum Torre de Cala Embasset dauern. Stand zumindest so im Reiseführer. Und diese Information wäre sicher auch zutreffend gewesen, wenn die Wegbeschilderung mich nicht in die Irre geleitet hätte. So irrte ich nämlich über eine Stunde im dichten (und völlig menschenleeren) Wald, ehe ich dann doch ans Ziel gelangte und mit einer grandiosen Aussicht auf die Insel Dragonera belohnt wurde. Das soll Urlaub sein?, klagten die Füße während des Gewaltmarsches. Wunderbar!, dachte hingegen mein Schriftstellerherz. Als Großstadtmensch bin ich selten derart fernab der Zivilisation - und so nutzte ich die Gelegenheit, meinen Schatz an diversen Sinneseindrücken aufzufüllen: Wie fühlt sich Baumrinde an, wenn man sich mit beiden Händen haltsuchend festklammert? Wie das dornige Gestrüpp, an dem die Kleidung hängen und das bleibt die Beine blutig kratzt? Wie die spitzen Felsen, die sich (der Schuhe ungeachtet) in die Sohlen bohren? Wie die Einsamkeit unter brütender Sonne - nur einmal kurz aufgelockert, als nicht weit von mir eine Ziege mähte? Das hörte sich schweißtreibend, schmerzhaft und auch ein bisschen gefährlich an. War's wahrscheinlich auch. Aber in erster Linie der gelungene, weil überaus sinnliche Auftakt einer Reise auf den Spuren meiner Protagonistin. Und der mute ich schließlich noch viel mehr...
Urlaub Wie hier schon mehrmals angekündigt verabschiede ich mich für die nächsten anderthalb Wochen in den Urlaub. So es denn internettechnisch möglich ist, werde ich den ein oder anderen Bericht (inkl. Fotos) von diversen Rechercheausflügen einstellen. Falls es mit dem W-LAN jedoch nicht klappt, erfolgt nach meiner Rückkehr ein kurzer Überblick, wie lebendig das mittelalterliche Königreich Mallorca heute noch auf der Insel ist. Nach einem verregneten Mai soll das Wetter dort auf jeden Fall sonnig und warm werden - gewiss auch das richtige Klima, um neue Ideen sprießen zu lassen. Vor diesen bin ich - ob erholungsbedürftig oder nicht - in keiner Lebenslage gefeit, besonders nicht während längeren Flügen oder Autofahrten ;-)
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