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Blogeinträge Januar 2009

31. Januar

Schmerzen

Meine "Blog-Faulheit"  der letzten Tage möge mir verziehen werden. Sie ist nicht nur diversen beruflichen Verpflichtungen geschuldet, sondern auch der Tatsache, dass ich seit letztem Montag ohne Weisheitszähne, dafür aber mit entsprechenden Wundschmerzen durchs Leben gehe.. Meine sensiblen Persönlichkeitsanteile suhlen sich in Selbstmitleid - die eher nüchternen befinden hingegen: "Geschieht dir ganz recht, auch mal Schmerzen zu haben.!"
Schließlich gehöre ich zu jenen grausamen Autoren, die selbige ihren Protagonisten häufig zufügen.

Nein, (Weisheits-)zähne habe ich meinen Romanfiguren noch nicht gezogen - das durfte nicht mal mein mittelalterlicher Chirurg Aurel. Aber ansonsten muss ich veröffentlichte wie unveröffentlichte Texte nur oberflächlich durchgehen, um auf eine ellenlange Liste meiner Verbrechen zu stoßen: Meine Protas werden ausgepeitscht, vergewaltigt und verlieren Gliedmaße. Sie werden aus ihrer Heimat verschleppt, fast erwürgt oder in die Tiefe gestoßen. Man reißt ihnen Haare aus, schlägt ihre Augen blau und ihre Lippen blutig. Hanfstricke schneiden sich schmerzhaft in ihre Hände, und eiskaltes Wasser schlägt bedrohlich über sie zusammen. Wenn sie nicht gerade zu ersaufen drohen, gibt es die Möglichkeit zu verbrennen, zu verbluten oder am langsam wirkenden Gift zu krepieren. Von Kriegsverwundungen und Seuchen ganz zu schweigen.
Und das alles ist nur die Spitze des Eisbergs.

Warum, stellt sich die Frage, warum schreibe ich so etwas? Ist es reiner Sadismus? Oder mein katholisches Erbe? Kleiner Exkurs: Auf meiner einstigen Klosterschule wurde mir von Nonnen tatsächlich beigebracht, dass man seine Kopfschmerzen, so sie denn duldsam und ohne lindernde Tabletten ausgestanden werden, der Jungfrau Maria "schenken" könnte wie Blumen. Nun, ich glaube, die Gute - Gottesmutter hin oder her - freut sich im Zweifelsfall mehr über einen Strauße Rosen (oder was ihr Josef an deren Stelle im Hl. Land pflücken konnte) als über einen Strauß Kopf-, Bein- oder Halsweh. Was allerdings die Frage, warum meine Protagonisten so leiden müssen, noch immer nicht beantwortet.

Nun, nach dieser Woche vermute folgendes: Schmerzen versetzen einen in unerträgliche Spannung. Weil man ständig wartet, hofft, bebt: Wann hören sie endlich auf? Und weil einen tiefe Erleichterung überkommt, wenn es tatsächlich so weit ist. Und genau dieser Bogen hält manche Geschichte vorzüglich zusammen - und den geneigten Leser am Buch fest.  


26. Januar

Besessenheit

Manchmal frage ich mich, ob wir Autoren so etwas wie Besessene sind - nicht von Dämonen, sondern von Romanideen und Protagonisten. Ich kann mich meist nicht in Ruhe hinsetzen und überlegen, welche Geschichte ich gerne als nächstes schreiben würde. Stattdessen werde ich meist von Romanideen angefallen wie von einem wilden Tier.

Und wie undiszipliniert und egoistisch diese Dämonen sind! Sie denken gar nicht daran, sich am Ende der Schlange anzustellen, sondern stürmen in die erste Reihe und schreien laut nach Aufmerksamkeit. Die einzige Möglichkeit, ihrer Herr zu werden ist, sie mittels eines Exposés zu bezähmen. Denn kurzfristig begnügen sie sich damit,  nicht mehr nur in den Gedanken zu leben, sondern - wenn auch noch ungegoren - auch auf Papier festgehalten zu sein und gewähren dem Autor eine Verschnaufpause.

Der Hintergrund meiner dramatischen Klage: Eben noch in der Saga-Endphase, überkam mich plötzlich DER Einfall für eine Geschichte. Drei Tage habe ich gerungen, ihr diesen Gefallen überhaupt tun - mittlerweile habe ich sie zwischen sonstiger Arbeit mal schriftlich skizziert. Möge sie vorerst in Frieden ruhen (ich fürchte nur, sie gehört zu den (herz-)blutsaugenden Untoten, die sich regelmäßige aus dem Sarg erheben...) 


23. Januar

Romandiät

Ich stecke immer noch mitten in den Überarbeitungen der Saga. Was das beste Kriterium dafür ist, dass der Text mittlerweile eine akzeptable Gestalt annimmt und ich bei wiederholtem Feilen langsam vom nüchternen Kritiker zum mitgerissenen Leser werde? Der Blick auf die Waage.

Das ist sehr banal, ich weiß, aber während andere Menschen mit Hilfe von Diäten oder Sport abnehmen, passiert mir das meist in der Überarbeitungsphase eines Romans. Dann kommt es nämlich vor, dass ich zu vertieft in den Text bin, um ans Essen zu denken.

Aber keine Angst, die Gefahr von Unterernährung besteht nicht. Da in anderen Phasen nicht selten Schokolade als Motivationshilfe dient, sind genügend Reserven vorhanden, um nicht gleich eine Magensonde legen zu müssen. ;-)


19. Januar

Update

Ich habe in den letzten Tagen meine Homepage ein wenig überarbeitet. Unter Historische Romane finden Sie nun auch "Die Gefährtin des Medicus" samt üblicher Informationen (Making-of, Textproben, Literaturhinweis und ausführlicher Inhalt).


16. Januar

Vollbracht

Normalerweise kann ich beim Schreiben ganz gut einschätzen, wie viel Zeit ich für einen bestimmtes Pensum veranschlagen muss. In der Endphase eines Romans liege ich damit allerdings regelmäßig daneben. Eigentlich wollte ich mir für Abschluss der Rohfassung noch bis Ende Januar Zeit lassen - nun habe ich heute schon die letzten Zeilen der Saga geschrieben. 

Dass ich vorzeitig die Ziellinie überschritten habe, liegt an üblichem Endspurt: Kaum ist das Ende in Sicht, kann ich die tägliche Vorgabe an zu schreibenden Wörtern vermeintlich mühelos verdoppeln oder sogar verdreifachen. Hinterher fühlte ich mich allerdings wie ein Soufflet, das zu lange im Ofen war. Es wird eine Weile dauern, bis es wieder "aufgeht". Im Moment bin ich einfach nur erleichtert, dass das Werk vollbracht ist. 

Übliche Wehmut beim notgedrungenen Loslassen des Romankindes sucht man vergebens - noch ist zu viel zu tun, um die Arbeit als beendet zu erklären. Der jetzige Gefühlszustand gleicht eher dem, wenn man bei einem Umzug zwanzig Kisten in die neue Wohnung geschafft hat. Das Zeugs muss noch ausgepackt und eingeräumt werden; viele Renovierungsarbeiten und Möbelaufbauten stehen noch an , ehe man sich in den neuen vier Wänden heimisch fühlt. Aber: Erstmals ist man mit seinem ganzen Hab und Gut "drin", kann getrost die Türe hinter sich zumachen und eine Weile verschnaufen. 


14. Januar

Buddenbrooks

Diese Woche habe ich im Kino die Thomas-Mann-Verfilmung "Buddenbrooks" gesehen. Von der Inszenierung war ich nicht restlos begeistert - von der literarischen Vorlage jedoch wieder aufs Neue fasziniert. Ich liebe Thomas Manns fein sezierenden Blick auf die Menschen - insbesondere auf deren skurrile, tragische und kaputte Facetten. Nicht minder interessant: Sein Bild vom Künstler an sich.

Nicht nur in der Gestalt von Hanno Buddenbrook, sondern auch in vielen anderen Werken (Sei es Tod in Venedig, Tristan oder Doktor Faustus etc.) bekommt selbiger häufig diese schwächliche, dekadente, kranke Komponente verpasst. Das Reüssieren in der bürgerlichen Gesellschaft ist dem kreativ Schaffenden zwar nicht unmöglich - im Vergleich zu ihren schlichter zu befriedigenden und darum "satteren" Mitgliedern bleibt er trotzdem ein Außenseiter.

Ich stehe dieser Deutung etwas zwiespältig gegenüber. Wer einen Mangel an Alltagstauglichkeit aufweist, sollte  diesen m.E. lieber zu kurieren versuchen, anstatt im Elfenbeinturm zu thronen und damit zu kokettieren. Und wer das eigene Leiden an sich und der Welt als Ansporn jeglicher Kreativität verklärt, ist für mich zunächst mal ein sehr narzisstischer Mensch und kein großartiger Künstler. 

Umso mehr kann ich jedoch zustimmen, dass es wohl bei jedem kreativen Menschen ein gewisses "Fremdeln" mit dieser Welt gibt, Sehnsüchte, die sich nicht mit materiellen Gütern kompensieren lassen, und zudem eine starke Empfindsamkeit, die eben nicht nur positive, sondern auch negative Gefühle zulässt.


11. Januar

Zwei Fragen...

...bekomme ich oft zu hören, wenn ich so nach und nach meine Romanprojekte abarbeite. Zum einen: "Hast du nicht Angst, dass dir irgendwann die Geschichten ausgehen?" Zum anderen: "Was ist, wenn Du eines Tages die Lust am Schreiben verlierst?"

Den Mangel an möglichen Geschichten sehe ich nicht als potentielle Gefahr. Es gibt Milliarden von Menschen - von daher gibt es auch Milliarden an Geschichten. Lebensweisen und Erfahrungen, Schicksale und Beziehungsgeflechte, Charaktere und existenzielle Herausforderungen sind so vielseitig und facettenreich, dass man sie nicht mit einer Handvoll an Romanen abarbeiten kann.  Im Gegenteil gilt hier wohl eher die bedauerliche Erkenntnis: So viele Ideen ... und so wenig Zeit. 

Was den Lustfaktor anbelangt, lassen sich schon berechtigtere Zweifel anmelden. So schön diese kreative Arbeit auch ist - mancher Kick der Anfangsjahre (der erste abgeschlossene Roman, der erste Verlagsvertrag, die erste Veröffentlichung usw.) lässt sich nicht einfach endlos reproduzieren, sondern verkommt irgendwann mal zur Routine. Nicht jeden Tag verheißt die Arbeit künstlerische Höhenflüge; nicht jeden Tag stürzt man sich mit ganzem Enthusiasmus darauf. Dennoch: Bei allen großen Lebensentscheidungen - für einen Partner, für einen Wohnort, für einen Beruf - gehören Durststrecken und Müdigkeitserscheinungen, ja auch ernsthafte Krisen dazu. Wer aber grundsätzlich hinter dieser Entscheidung steht und wer sie als absolut richtig ansieht, wird so schnell nicht aufgeben. Von daher glaube ich nicht, dass sich an dem Gefühl, dass das Geschichtenerzählen das "Je-meinige" ist, bald etwas ändert. 


7. Januar

Weiter im Text

Nach den beschaulichen Weihnachtstagen habe ich zurück in üblichen Arbeitsrhythmus gefunden. Diese Woche steht wieder mal eine Fernsehproduktion in Köln an. Außerdem geht es zügig mit der Saga weiter. Da der Plot steht, lässt sich das tägliche Arbeitspensum mühelos abarbeiten. Wenn alles gut geht, werde ich Ende Januar mit der Rohfassung fertig sein. Anschließend folgt wie immer die gründliche Überarbeitung - einmal vor und einmal nach Feedback der Testleser.

Zwischendurch beschäftige ich mich gedanklich auch schon mit weiteren Romanen. Ob ich die Arbeit daran gleich anschließen oder noch ein anderes Projekt einschieben werde, ist noch nicht entschieden - in jedem Fall wird es einen vertraglich schon zugesicherten Fortsetzungsband der Saga geben. Und der nimmt - insbesondere während meiner regelmäßigen Joggingrunden - gedanklich immer konkretere Züge an.


3. Januar

Ein paar Lebensweisheiten zum Neuen Jahr...

Mit dem materiellen Aspekt dessen, was das Schreiben einbringt, habe ich mich Ende letzten Jahres befasst. Heute soll die Frage im Vordergrund stehen, womit es abseits des Monetären das Leben des Autors bereichert. Damit meine ich mal nicht die üblichen Charismen kreativer Menschen (geistige Höhenflüge, Schaffensräusche, Sensibilität für Schicksale und Gefühle), sondern Eigenschaften, die vom Autorenleben geschult werden und die auch im Leben abseits von Notizblock und Laptop hilfreich sind. 

1. Fokussierter leben
Die Fähigkeit zum "Multitasking" gilt heutzutage als hohes Gut. Dass vorwiegend Frauen sie mitzubringen scheinen, macht m.E. aber noch keine besondere Gnade daraus. Denn alles gleichzeitig machen zu können wird schnell zum Imperativ umformuliert, alles gleichzeitig machen zu müssen. Das Hamsterrad des Lebens  mehrspurig in Bewegung zu halten, mag Geschäftigkeit und Power vermitteln, aber auch eines nach sich ziehen: Fehlende Konzentration auf die EINE Sache. Schreiben erlaubt das nicht. Ich schreibe zwar in unmöglichsten Situation und gerne auch zwischendurch - aber immer mit 100%igem Focus darauf. Anders geht es schlichtweg nicht. Beim Schreiben vergeht eine Stunde oder ein Tag nicht einfach so, ohne dass man hinterher weiß, was man getan hat. Schreiben fordert Kräfte - aber bündelt sie auch.

2. Erlebnisfähig werden
Reisen ist meine große Leidenschaft. Ich habe im Toten Meer in Israel gebadet und im Indischen Ozean vor Sansibar, ich bin vor dem Himalaya in Nepal gestanden und vor den Torres del Paine in Patagonien. Eindrucksvolle, ja spektakuläre Erlebnisse waren das, die ich nicht missen möchte. Dennoch: Manchmal ist weniger viel mehr. Keine der oben genannten Erfahrungen kann dem Augenblick das Wasser reichen, als ich durch Chelles spazierte - ein wenig aufsehenerregender Vorort von Paris, in dem man Touristen zwecks Ermangelung von Attraktionen mit der Lupe suchen muss. Das Besondere für mich: Hier hatte Bathildis (meine Protagonisten aus "Die Regentin") gelebt. Ich habe die Kirche besucht, wo ihre Reliquien verehrt werden, und bin auf Straßen und an Kindergärten vorbei gegangen, die nach ihr benannt sind. Wenn man ihn nicht einfach nur konsumiert, sondern etwas dorthin mitbringt, kann man einen Ort wohl kaum intensiver erleben.

3. Eigenverantwortung übernehmen
Wer schreibt, ist allein. Erfolgreiche Autorenpaare (die dem widersprechen) sind m.E.n. die Ausnahme, die die Regel bestätigen. Man kann sich von Außen Inspirationen und Feedback holen, sich in Krisenzeiten bei Kollegen ausheulen oder sich in intensive Diskussionen darüber verstricken, wie man am besten recherchiert oder plottet. Dennoch: Beim Schreiben ist man allein. Das Produkt Buch bleibt immer zunächst das "ureigenste". Unangenehmes zu delegieren geht nicht; sich hinter anderen zu verstecken auch nicht. Wenn die schwierige Szene wartet, muss man selber ran, denn jemand anderer wird sie nicht schreiben. Für mich ist das tägliche Herausforderung, aber auch Lebensschulung der besonderen Art. Denn auch abseits von der Arbeit am Roman gilt : Für die eigene Entwicklung, die eigene Zufriedenheit und die Gestaltung des eigenen Lebens hat zunächst jeder einzelne gerade zu stehen. Das heißt nicht, dass man ohne andere auskommen soll/kann/darf. Das heißt aber sehr wohl, dass man der Protagonist seines Lebens bleibt, für den niemand anderer einspringen wird.

 

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