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Unter anderem war darin von einem Paar war die Rede, das als Dienstboten verkleidet und bei Nacht und Nebel aus der befestigten Stadt Senlis floh – der einzige Weg, eine unstandesgemäße Liebe zu leben. Er - war Graf Balduin „der Eisenarm“ von Flandern, ein furchtloser Krieger; sie - Königin Judith von Wessex, zweifache Witwe und Tochter des Karolingerherrschers Karl dem Kahlen. Irgendwo im Hinterstübchen meines historischen Gedächtnis habe ich diese –historisch verbürgte - Story als 'romanwürdig' abgespeichert; vorerst aber verlangten andere 'Buchkinder' geboren zu werden. Einige Jahre später stolperte ich – wieder durch Zufall – über einen anderen Stoff. Ich las über mittelalterliche Kindererziehung und dass bei dieser, insbesondere in reicheren Kreisen, weniger die leibliche Mutter als vielmehr die Amme eine wesentliche Rolle spielte. Auch davon blieb eine knappe Notiz im Hinterkopf hängen – nämlich die Idee, die Geschichte einer historischen Persönlichkeit aus der Perspektive einer Amme zu erzählen. Wie es bei
Buchideen häufig der Fall ist, machten sich auch diese beiden selbständig,
wucherten eine Weile unentdeckt wieder und entschlossen sich schließlich,
sich zusammenzutun. Nach und nach wurde der Stoff immer konkreter und lief
zunehmend auf eine „Dreierkonstellation“ hinaus: Da ist die fiktive
Johanna, die als einzige ihres Dorfes einen Überfall der Normannen überlebt.
Da ist ihr Ziehsohn Balduin, den sie für nichts geringeres bestimmt, als
die tiefen Wunden ihres Lebens zu kitten – und das in Form des
unbarmherzigen Krieger gegen eben jene Normannen. Und da ist Judith, eine
ebenso kluge wie zynische Frau, bislang Spielfigur im politischen Ränkespiel
ihres Vaters und des Bischof von Reims, doch zunehmend auf der Suche nach
Selbstbestimmung. Was die
Recherchen zum Karolingerreich anbelangte, konnte ich auf relativ wenig
Vorwissen bauen: Ich hatte zwar ganz gute Kenntnisse über die Bedrohung
des Frankenreichs durch die Wikinger, teilweise auch über das
Alltagsleben, denn beides hatte ich schon während der Arbeit an meinem
Merowingerroman 'Die Regentin' ansatzweise erforscht. Doch ansonsten war
das 9. Jahrhundert eine weitgehend unbeackerte Fläche. Von Schule und
Geschichtsstudium her wusste ich einiges über Karl den Großen, doch was
danach folgte empfand ich schon damals als ziemlich kompliziert: nämlich
jede Menge Reichsteilungen und jede Menge Könige, die entweder Karl,
Ludwig oder Lothar hießen (mit viel Glück ist auch ein Karlmann dabei).
In diesen verworrenen Stammbaum ein wenig Licht zu bringen war ein
anstrengendes Unterfangen – insofern aber lohnend, da mir auf diese
Weise noch mal die Wurzeln des neuzeitlichen Europas klar wurden. So entstand
– Mosaikstein um Mosaikstein – das Bild einer Epoche vor meinen Augen,
und der Rahmen, in dem meine Protagonisten leben, lieben – und morden können...
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